Ein Mädchen hat mir neulich über Facebook geschrieben, wie mutig sie mich findet. Ich will ganz ehrlich sein. Auch wenn ich in Interviews offen über meine Essstörung spreche, mich halbnackt im Musikvideo zeige – hier im Blog auf einigen Fotos sogar komplett nackt – und bei unseren Konzert-Lesungen aus meinem Leben erzähle, habe ich vorher furchtbare Angst. So schlimm, dass ich oft die Nacht vorher kein Auge zubekomme und mir 1000 Ausreden überlege, um doch noch im letzten Moment absagen zu können. Ich mach’ es dann trotzdem, weil ich ganz fest daran glaube, dass es hilft. Mir selbst und anderen.

Das sind natürlich extreme Beispiele. Ebenso habe ich aber zum Beispiel auch beim Real an der Kasse Panik, mein Zeugs nicht schnell genug vom Band zu bekommen. So schlimm, dass ich regelrecht in Hektik verfalle und alles unsortiert in die Taschen schmeiße. Da kann es schon passieren, dass das Obst zerquetscht wird. Bloß, damit nach mir auch ja kein Stau entsteht. Nur neulich, als es so warm war, da habe ich langsam eingepackt, damit die Kassiererin ganz in Ruhe einen Schluck aus ihrer Wasserflasche trinken konnte. Aber das zählt nicht.

Meine Angst vor Gewitter zählt hingegen gleich für Zwei. Wenn es draußen blitzt und donnert, zucke ich so doll zusammen, dass mein bester Freund gleich mit zusammenzuckt. Rein solidarisch versteht sich.

Ich weiß natürlich, worauf sie mit ihrer zuckersüßen Facebook-Nachricht hinauswollte. Apropos „zuckersüß“ –  Angst vor Zucker habe ich auch. Zucker ist bei mir noch ein Trigger für einen Fressflash, aber das nur am Rande.

Fünffach hält besser als doppelt.

Ich habe ebenso fürchterliche Angst, dass bei einer Konzert-Lesung plötzlich eine Seite meiner Aufzeichnungen fehlt. Das Einzige, was ich improvisieren könnte, wäre nämlich ein Ohnmachtsanfall. Nebenbei bemerkt habe ich auch schreckliche Angst, mich beim Durchzählen der Seiten verzählt zu haben, so dass ich es sicherheitshalber wiederhole und dann noch mal von der letzten bis zur ersten Seite. Kein Scherz. Ich weiß, dass das andere total absurd finden und genau wie Bato hier oben auf dem Bild nur schmunzeln können. Mir läuft bei dem Gedanken, dass eine Seite fehlen könnte, aber wirklich ein Grusel-Schauer über den Rücken.

Und während ich darüber nachdenke, fährt draußen am Hackeschen Markt ein Auto vorbei aus dem lautstark „Atemlos“ von Helene dröhnt. Ach, das findest Du jetzt echt gruselig? So so…

Eure atemlose Jana

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10 Kommentare

  1. Liebe Jana,
    Ich kann so viel von dem, was Du schreibst, nachvollziehen! Sehr sogar! Leider…
    So gerne würde ich Dir viel erzählen, von meinem Weg berichten, wie es war, als ich mich als SVVler „outete“ – aber wer weiß… vielleicht müsste ich dafür einen Roman schreiben. 😉
    Ach, die Vorurteile, die dummen Fragen, die Beleidigungen… all das war nicht einfach. Aber ich dachte mir, dass es vielleicht etwas bewegen könnte. Vielleicht interessiert sich jemand für den Hintergrund und fragt. Fragt und lernt. Und die, die noch damit zu kämpfen haben, haben es dann vielleicht irgendwann zukünftig leichter. Das gab mir Kraft stets weiterhin hinter meine Entscheidung zu stehen, meine alten Narben nicht mehr zu verstecken.
    Nach und nach lerne ich aktuell auch meine Phobien nicht mehr zu verstecken.
    Und meine Essstörung? Tja, auch damit fange ich an offener umzugehen. Langsam, schrittchenweise.
    Und es ist erleichternd!
    Du hast mit dazu beigetragen und tust es stets weiter, dass ich offener damit umgehen kann.
    Ob Du es als mutig oder nicht mutig ansehen kannst, ist nicht wirklich wichtig. Du bewegst etwas! In uns Betroffenen! Und dadurch bewegst Du etwas indirekt auch in unserem Umfeld. Du gibst Kraft indem Du offen sagst: Ja, so bin ich!
    Das ist wertvoll!
    Wertvoll für uns alle.
    Du bist wertvoll! Genauso wie Du bist!
    Fühl Dich gedrückt!
    Und wenn es mal im Gemüt regnet – es werden immer ganz viele hier Draussen sein, die Dir einen Platz unter ihrem Regenschirm anbieten werden.
    Liebe Grüße
    Anastasia

    • Deine Worte berühren mich ganz, ganz tief und ich werde sie heute Nacht sicher noch ein paar mal durch meinen Kopf kreisen lassen. Ja, und dabei werde ich lächeln. Danke.

  2. Es gibt ein schönes Zitat zu dem Thema: „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Erkenntnis, dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst.“ – also ja, du bist mutig, und das eine schließt das andere nicht aus. 😉

    Ich kenne das Zitat übrigens aus dem Film „Plötzlich Prinzessin“ – keine Ahnung, ob es dafür nur verwendet wurde von woanders oder es der Drehbuchautor erfunden hat… aber mir auch egal, es stimmt einfach. 🙂

  3. Ich liebe diese Zitat aus der Serie One Tree Hill

    Das Leben kommt aus der Dunkelheit auf ein zu gestürzt, wenn dass geschied, gibt es dann im Leben, jemand auf den DU zählen kannst?
    Jemand, der auf dich AUFPASST, wenn DU STRAUCHELST und FÄLLST ?
    Und DIR in diesem Augenblick, die KRAFT gibt deinen ÄNGSTEN zu stellen?

    Und ich denke, du kannst diese Fragen, mit einem Lächeln, mit JA beantworten. Du hast jemanden, der bedingungslos hinter dir steht, der auf dich aufpasst, wenn du strauchelst und fällst und der dir die Kraft gibt, dich deinen Ängsten zu stellen.
    Ist das nicht ein schönes Gefühl? Egal, was kommen mag IHR schafft das…. Zusammen ❤

    Und ich habe schon lange aufgegeben schneller als das Band an der Kasse zu sein und es hat sich noch niemand bei mir beschwerd. Versuch es beim nächsten Einkauf. Du wirst sehen alles halb so schlimm. 😘

  4. Liebe Jana.

    Du bist ein liebenswerter Mensch mit all seinen Fehlern.
    Ich weiß selber wie schwer dass ist, sich anzunehmen wie man ist. Diesen Weg gehe ich gerade auch. Und er ist verdammt schwer und tut auch manchmal sehr weh.
    Aber aus jedem Rüchschlag kann man lernen und vorallem Kraft ziehen.
    Auch die professionelle Hilfe eines Psychologen hat mir geholfen meine Kindheitserlebnisse zu verarbeiten.
    Auch sind mir meine Freunde zu waren Schätzen geworden.
    Ich finde es immer noch sehr mutig von dir, so öffentlich über alles zu reden. Ich hoffe und wünsche dir gutes gelingen. Aber wie heisst es so treffend: Der Weg wird kein leichter sein…..😚😊

    Liebe Grüße

    Ulrike

  5. Ich finde Angst zu haben auch ein Zeichen von Stärke. Denn wir sind nicht perfekt. Das merke ich jeden Tag aufs neue bei mir selber. Jeder Tag ist ein neuer Kampf nicht in alte Muster zu fallen. Ich versuche jeden Tag ein wenig mehr meine Ängste ab zu legen ….. manchmal gelingt dies manchmal nicht….ich habe soviel in meinem Leben schon erlebt und bin bis jetzt immer wieder aufgestanden….aber dank euch beiden Jana und David wenn ihr beide euer lächeln zeigt geht es mir gut denn dann verzaubert ihr mir auch ein lächeln ins Gesicht…DANKE

  6. Liebe Jana,

    genau diese kleinen „Macken“ machen dich so sympatisch. Trotz deiner Ängste, stellst du dich dem Leben und zeigst deinen Zuhörerinnen und Hörern 😉 , dass Sie nicht allein sind. Du sprichst immer wieder offen über Themen, welche viele nicht wagen auszusprechen. Dafür hast du meine Hochachtung sicher! (y) Ich freue mich Dich und Bato & Band bald in Leipzig Live kennen zu lernen.
    Mach weiter so und bleib wie Du bist.
    Liebe Grüße aus dem verregnetem FFo

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