(…) Jule und ich legen im selben Moment die Stifte hin, als sich unsere Blicke treffen. Jule sieht so erleichtert aus, wie ich mich fühle. Das war sie, die letzte Abiturprüfung. Wir stapeln annähernd synchron unsere Unterlagen und gehen zeitgleich zum Pult. Herr Schulte, unser alter Lateinlehrer mit der lustigen Einsteinfrisur, der uns schon seit der fünften Klasse nur im Doppelpack kennt und die Prüfung beaufsichtigt hat, strahlt uns an, während er unsere Prüfungsbögen entgegennimmt.

Gleich, nachdem die Tür zum Prüfungssaal hinter uns ins Schloss gefallen ist, liegen wir uns in den Armen. Auch wenn ich es in der ganzen Vorbereitungsphase nicht so empfunden habe, merke ich jetzt, was für eine schwere Last in diesem Moment von mir abfällt. „Wir haben es geschafft!“, flüstert mir Jule ins Ohr. „Maus, jetzt haben wir es wirklich geschafft!“

Draußen setzen wir uns auf die von der Sonne gewärmte Steinplatte, auf der in den Pausen immer Tischtennis gespielt wird. Die Sonne spiegelt sich in den breiten Fensterfronten, die großen Bäume werfen Schatten, und man hört lautes Geschrei aus der unteren Etage, wo die fünften Jahrgänge untergebracht sind.

„So waren wir aber nie“, sage ich zu Jule.

„Nein, wir doch nicht, wir waren immer brav und artig“, stimmt sie mir zu, bevor wir beide, wie kleine Schulmädchen, anfangen zu kichern.

„Es ist schon komisch, so sehr ich mich die ganze letzte Zeit danach gesehnt habe, dass das alles hier vorbei ist und ich die anderen aus unserer Stufe nie wiedersehen muss, werde ich die Zeit hier doch in guter Erinnerung behalten. Zumindest die meiste“, sage ich nachdenklich.

„Hier zur Schule zu gehen war für mich das Beste, was mir hätte passieren können, sonst hätte ich dich ja nie kennengelernt. Aber trotzdem werde ich der Schulzeit nicht eine Träne nachweinen. Ich habe schon die Unterlagen und das Studienbuch vom letzten Semester durchgeschaut, da sind so interessante Kurse, die jedes Semester wiederholt werden. Ich kann es nicht mehr abwarten. Ich will, dass es endlich losgeht.“

Jules Euphorie ist ansteckend, und die Unsicherheit vor der Zukunft, die sich langsam in mir angebahnt hat, ist wie ausgelöscht. „Ja, eigentlich hast du recht. Uns stehen alle Türen offen, und wer weiß, vielleicht kommen wir ja irgendwann mal hierher zurück.“

„Als Gastrednerinnen am Tag des Erfolges?“, neckt mich Jule und packt aus ihrer Tasche freudestrahlend eine Cola für sich und eine Cola light für mich aus. „Darauf müssen wir anstoßen!“ Sie springt auf und öffnet die Flaschen, indem sie die Kronkorken an der Steinplatte abschlägt. Auch ich stehe auf, und wir beide nehmen gespielt übertrieben Haltung an. „Auf die Zukunft!“ Wir stoßen an, und die Glasflaschen klirren gegeneinander.

Wir erinnern uns daran, wie wir an unserem ersten Schultag hier am Gymnasium von unserer damaligen Klassenlehrerin nebeneinander gesetzt wurden, das ist jetzt neun Jahre her. Eine ganz schön lange Zeit, und niemand hätte damals ahnen können, was für eine wertvolle Freundschaft sich daraus entwickeln würde. Gegensätze ziehen sich wirklich an, wir sind der Beweis. Uns kommen vergangene Klassenfahrten in den Sinn, wie wir in Prüfungen geschummelt haben, erinnern uns an unseren ersten Discobesuch und wie Jasmin und die anderen Mädels mit diesen widerlich schmierigen Typen abgezogen und wir bei Ben und Tobi im Babylon geblieben sind. Das war definitiv die richtige Entscheidung, vielleicht auch einfach Schicksal. Und schon sind wir wieder bei unserem Lieblingsthema, unserer Band.

Wir besprechen, welche Gigs in nächster Zeit anstehen, für welche wir noch Hotels buchen müssen, und ob wir bei dem Konzert am kommenden Wochenende nicht doch einen zweiten Tag dranhängen wollen, damit sich die lange Fahrt nach Bayern auch lohnt. Dieses Wochenende steht nämlich das große Bandjubiläum an, und die Jungs wissen bis jetzt nicht, dass wir kommen wollen. Zu sehr freuen wir uns auf die erstaunten Gesichter, wenn sie uns dann im Publikum sehen.

Wir haben, neben unserem Kommen, auch noch gemeinsam mit den anderen Fans ein paar Überraschungen geplant. Dafür müssen wir noch Wunderkerzen besorgen und den Jubiläumskuchen backen. Das Ganze wird sowieso eine aufregende Geschichte, da das Konzert auf einem Schiff auf dem Starnberger See stattfinden wird. Das war schon immer ein Traum von den Jungs, und jetzt haben sie ihn sich zum Bandjubiläum erfüllt. Als Jule ihrem Tobi gesagt hat, dass wir ausgerechnet an diesem besonderen Wochenende leider nicht dabei sein können, war er schon ganz schön geknickt, denn eigentlich gehören wir ja schon zum Inventar. Was ein Glück, dass er mich nicht darauf angesprochen hat. Mir sieht man sofort an, wenn ich flunkere, sie hat eindeutig das bessere Pokerface von uns beiden.

Jule und ich schreiben eine kleine To-do-Liste, und sie wird länger und länger. Wenn man uns so zuhört, klingt das weniger nach Urlaubsvorbereitung als nach Einsatzplanung.

„Ihr habt auch kein anderes Thema mehr, was? Seid ihr nicht langsam zu alt für so ‘n Teeniekram?“, macht uns plötzlich Jasmin blöd von der Seite an.

Wo kommt die denn auf einmal her? Im Schlepptau, wie sollte es anders sein, ihre neue beste Freundin Caro. Je mehr sich die zwei gegen uns verschworen haben, desto enger ist ihre Freundschaft geworden. Ich glaube, dass sie sonst nicht sonderlich viel verbindet.

„Na, wie ist die letzte Prüfung für dich gelaufen? Du sahst nicht ganz so glücklich aus“, entgegnet Jule kühl und wendet sich wieder mir zu.

„Was geht‘s dich an?“, blafft Jasmin zurück, während sie sich eine Zigarette anzündet.

Jule macht einen Schritt auf Jasmin zu. „Ich wüsste nur gerne, ob du auf dem Abi-Ball auch etwas zu feiern hast. Dann wäre es nämlich auch in deinem Sinne, wenn du dich mal langsam um die Musik kümmerst. Wenn ich mich nicht irre, ist das dein Aufgabenbereich, und eine Feier ohne Musik wäre doch ziemlich lahm, nicht wahr?“

Caro, die die ganze Zeit nichts gesagt hat und nur bemüht war, ein äußerst böses Gesicht zu machen, bekommt auf einmal große Augen, zieht Jasmin am Arm weg und redet aufgeregt auf sie ein, während sie den Schulhof Richtung Parkplatz überqueren.

„Oh Mann, ich will gar nicht wissen, was die zwei jetzt wieder aushecken“, sagt Jule schulterzuckend.

„Wenn ich es mir so recht überlege, bin ich doch froh, dass es vorbei ist“, sage ich schmunzelnd. Wir setzen uns wieder auf die Tischtennisplatte, stoßen erneut an, lehnen uns zurück, halten unsere Gesichter in die warmen Sonnenstrahlen und sehen die überraschten Gesichter der Jungs direkt vor uns – Zumindest in Gedanken.

(Aus meinem Roman „Das Mädchen aus der 1. Reihe“)

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