„Du würdest super in unsere Runde beim Mädchen-Italiener passen“. Worte, die mir noch vor ein paar Monaten nicht nur kalten Schweiß und Herzrasen beschert hätten, haben mich gestern in meinen Kalender schauen lassen. Lächelnd. Ja, ich habe für morgen Abend eine Einladung bekommen und – was mich selbst wohl am meisten überrascht – ich habe sie tatsächlich angenommen. 

Vor ein paar Jahren wäre das absolut undenkbar gewesen. Mit 170 Kilogramm in ein schönes Restaurant lecker essen gehen? Zwei, nein, drei Dinge hätten direkt dagegen gesprochen.

1. Wäre es für mich völlig unvorstellbar gewesen, dass ich in der Öffentlichkeit und im Beisein von mir fremden Frauen etwas esse. Selbst vor Freunden etwas anderes als Salat ohne Dressing zu essen, war an 6 von 7 Tagen nicht möglich. Oder eben der Startschuss für eine Fressattacke.

2. Hätte ich mit meinem ausladenden Hintern und den breiten Oberschenkeln nicht in die Stühle gepasst. Besonders bei den kleinen, niedlichen Restaurants konnte ich mir leider immer sicher sein, dass die Stühle ebenso klein und niedlich waren. Mein Umfang hätte schlichtweg die Armlehnen gesprengt.

3. Ich hätte Angst gehabt. Angst, nicht entsprechend gekleidet zu sein. Angst, zu langweilig zu sein. Angst, zu stottern, mich zu bekleckern, zu früh da zu sein oder zu spät zu kommen und dann diejenige zu sein, die sich allen peinlich berührt vorstellt, während sie schon in Gespräche vertieft sind. Gespräche über Politik, Wirtschaft und Weltfrieden. Soll ich weitermachen?

So viele Dinge haben sich geändert. Ich kann inzwischen vor Fremden essen. Zumindest an 5 von 7 Tagen und die 2 miesen hatte ich diese Woche schon. In die Stühle passe ich inzwischen auch, obwohl ich mich immer noch erst ganz vorsichtig setze, um zu schauen, ob er mich auch wirklich aushält.

Geblieben ist leider meine Befürchtung, zu dem Abend morgen nichts Unterhaltsames beitragen zu können. Das macht aber nichts, denn ich habe mir ja ganz fest vorgenommen, jeden Tag etwas zu machen, wovor ich eigentlich Schiss habe, tschakka.

Den heutigen Abend kann ich also tatsächlich mit den Vorbereitungen für die Konzert-Lesung zur Tour verbringen, statt mir bescheuerte Ausreden auszudenken, um doch im letzten Moment absagen zu können. Viel mehr noch, trotz aller Aufregung freu’ ich mich auf morgen. Drückt mir bitte nur die Daumen, dass ich `nen stabilen Stuhl erwische.

Eure Jana

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3 Kommentare

  1. Vieles kommt einem so bekannt vor….
    Bäuerin und Mutter ist ein 12 Stunden Jop.
    Ansonsten hätte ich es wohl auch schon auf 170 geschafft. Deine Beiträge regen zum denken an und lassen einem glauben dass es machbar ist seine Essstörungen in den Griff zu bekommen.

  2. Pingback: 5 Ladies & ein Mädchen - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

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