Doch, inzwischen mache ich eine gute Figur. Sitzend. An einem Tisch. An einem Tisch ohne Glasplatte. Zwar noch keine „gute Figur“ im Sinne des heutigen Schönheitsideals, aber eine gute Figur, wenn ich mich heute – mit aktuell so um die 80 KG – mit der Jana von vor ein paar Jahren vergleiche. 

Zwischen meinem Höchstgewicht von ca. 170 Kilogramm und meinem Spiegelbild von heute liegen Welten. Völlig ohne Frage. Ich sollte jubelnd durch die Kaufhäuser springen und die Verkäuferinnen zu Boden knutschen, weil es schöne Klamotten in meiner Größe gibt.

Was tue ich? Ich laufe gefrustet durch das Alexa Shopping Center und motze in meinen Insta-Stories wie schrecklich das alles doch ist. Ja und erhoffe mir dadurch tatsächlich auch noch aufmunternde Worte. Mein ernst?

Ja, leider. Mein voller ernst. Statt mich zu freuen, dass mir inzwischen tatsächlich Oberteile in Größe 40 passen, kommen mir beim Anblick meiner schlaffen Brüste, die eigentlich eher nur noch leere Hauttaschen sind, die Tränen. Wie singt die wundervolle Sarah Connor auf ihrem Album „Muttersprache“ in „Halt mich“ so passend?

„Wir schicken Waffen um die Welt und Raketen ins All / aber der Shitstorm geht erst los beim Schlaffe-Titten-Skandal“

Um den Shitstorm brauche ich mir da zum Glück keine Gedanken zu machen. Meine schlaffen Brüste interessieren zum Glück niemanden. Und solange ich die überschüssige Haut, die rundherum so vor sich hinwabbelt einfach mit ins Körbchen stopfe, ist das auch gefüllt. Irgendwie zumindest.

Was aber absolut nicht zu kaschieren oder umzuschichten ist, findet sich unterhalb meines traurig guckenden Bauchnabels. Es mag an den minus 90 Kilogramm liegen, was natürlich reichlich überschüssige Haut bedeutet, die sich nicht zurückbildet. Vielleicht liegt’s aber auch an den Genen oder schlicht an der Schwerkraft, der elenden Verräterin.

Es sieht aus, als würde mein Oberkörper nicht zu meinem Unterkörper gehören. Als hätte man mich irgendwie falsch zusammengesetzt und genau das ist das Stichwort: Sitzen.

Ich werde bei der Konzert-Lesung als Support der „In Gedanken“ – Tour von meinem besten Freund Batomae sitzen und zwar nicht versteckt an einem Tisch, sondern gut sichtbar auf der Bühne. Ich glaube, ich werde mir eine kleine Kiste vor meinen Stuhl stellen, damit ich wenigstens irgendwie einen „Halt“ für die Beine habe.

Hm, wenn ich jetzt so drüber nachdenke, habe ich meinen wohl größten Halt direkt neben mir auf der Bühne stehen. Und auch wenn ihm unser Bühnenoutfit sehr am Herzen liegt, würde er mir wohl sogar eine Decke bringen, unter der ich meine Beine verstecken kann. Aber verstecken kommt für mich tatsächlich nicht in Frage, so schonungslos ehrlich die neue Konzert-Lesung ist, so schonungslos sind die Folgen meiner vielen, bescheuerten Crash-Diäten. Und ehrlich gesagt geht es mir jetzt schon sehr viel besser. Allein dadurch, dass ich meine Gedanken loswerden durfte.

Danke für’s zu-lesen.
Eure Jana

Foto: Ben Wolf

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5 Kommentare

  1. Ach süsse ich kann mir vorstellen wie es dir geht. Tauschen ich weiss nicht ob ich das möchte. Es ist auch nicht einfacher. Aber bevor was kosmetisches gemacht werden kann. Da musst du erstmal in Punkto Therapie arbeiten und die Ursache zu finde für deine Essstörung. Bei mir ist es umgekehrt ich weiss es und krieg die Kilos nicht weg. Ist genauso ätzend. Für den 20.11 drücke ich dir die Daumen!! Lg Tanja

  2. Ganz ehrlich? Das Schlimmste an dir ist dein Dutt. 🙂 Ansonsten bist du eine wundervolle, bemerkenswert Frau. Ich ziehe meinen Hut! Punkt.

  3. Pingback: Ich bin a-typisch. - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

  4. Maaaaa, du bist so wunderbar ehrlich, sprichst mir aus der Seele. Ich hoffe Wien, Österreich steht auch irgendwann mal bei euch auf der Konzert-Lesungs-Liste.

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