Diese Worte meines Psychiaters geistern, seit ich die Tür seiner Praxis heute um 16:05 Uhr hinter mir geschlossen habe, durch meinen Kopf. 

Ein Kind zu verwöhnen,
ist genauso schlimm,
wie es zu schlagen.

Wenn ich ehrlich bin, war meine größte Angst, dass bei meiner Therapie Erinnerungen hochgekramt und aufgewühlt werden, die grausam sind. Grausame Dinge, die mir angetan wurden, dass meine Seele sie lieber verdrängt, statt sie zu verarbeiten. Dinge, die ich lieber mit Hungern, Fressen und Kotzen überdecke, statt mich ihnen zu stellen.

Ja, mein Vater war bis zu seinem Tot am 08.08.2008 schwerer Alkoholiker. Es verging kaum ein Abend, an dem es bei uns Zuhause nicht eskalierte und nicht selten war schlichtweg ich Schuld daran.

Ich habe diese angespannte Stimmung in unserem Wohnzimmer einfach nicht ertragen. Ich wollte, dass er in sein Zimmer verschwindet, damit ich sein Leid nicht weiter mitansehen muss. Ja, es hat mir das Herz gebrochen, den Mann, den ich immer vergöttert habe, kriechend auf allen Vieren zu sehen. Ich habe mich für ihn geschämt.

Meinen Vater mit hochrotem Kopf, aufgequollenem Gesicht und blutunterlaufenden Augen. Nicht mal mehr in der Lage, einen klaren Satz zu formulieren. Geschweige denn mit mir zu diskutieren. Aber diskutieren hatte ich vom Besten gelernt, von ihm.

Ich erinnere mich an eine Situation, als er mit knallrotem Kopf vor meinem Sessel stand. Und obwohl ich zusammengekauert vor ihm saß, habe ich ihn angebrüllt, dass er es doch endlich tun soll. Dass er mich doch endlich verprügeln soll. Ich habe vor Wut und Verzweiflung geheult, gezittert und ihn trotzdem noch angebrüllt. Doch das einzige, was er je (zu-) geschlagen hat, waren die Türen auf dem Weg in sein Zimmer.

War er nüchtern, war ich seine Prinzessin. Er hat mir jeden Wunsch erfüllt. Jeden. Nie hätte er seine Bedürfnisse über meine gestellt. Niemals. Wann immer ich etwas haben wollte, ich musste nur laut genug quengeln und es wurde mir im wahrsten Sinne auf dem Silbertablett serviert.

Mir geistern so viele Erinnerungen, so viele Fragen durch den Kopf und ich würde grad alles dafür geben, noch ein einziges Mal mit ihm im Wohnzimmer zu sitzen. Einfach nur dasitzen. Ohne Streit oder Vorwürfe, ohne meinen enttäuschten und herablassenden Unterton, den ich nur all’ zu genau im Ohr habe.

Ja, eine Therapie wühlt auf und holt Erinnerungen zum Vorschein, die die Seele nicht erträgt. Aber heute waren es nicht Dinge, die mir angetan wurden. Es ist die Erinnerung an mein grausames Verhalten, das gerade hochgekrochen kommt. Und im Moment bin ich es, für die ich mich schäme.

Eure Jana

–> Hier geht es weiter: „Es ist leider ganz anders als ich dachte.“

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4 Kommentare

  1. Hallo Jana,
    guter Gedankenanstoß.
    Ich denke, den Satz müsste man ergänzen um… wenn das Verwöhnen als Ersatz für andere wichtigere Dinge herhalten muss.
    Danke für Deinen Blog!
    Liebe Grüße
    Karin

  2. Pingback: Musik macht, dass es doppelt so weh tut.Musik macht, dass es nicht mehr so schmerzt. - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

  3. Dein Psychiater wird dir auch gesagt haben, dass du als Kind nicht Schuld warst, auch wenn du dich heute rückblickend schleht fühlst. Kinder sind nicht verantwortlich, von ihrer Entwicklung her sind sie schlichtweg nicht fähig dafür.

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