Warum erreichen mich so viele Nachrichten, dass ich mich nicht über mich ärgern soll, dass ich es auch mal „einfach laufen lassen“ darf, dass es nicht immer gelingen muss und dass meine Erwartungen und Anforderungen an mich selbst viel zu streng seien?

Warum ist es denn nicht OK, dass ich mehr von mir erwarte?

Warum werden Regeln, Verbote, Disziplin und meine Erwartungs-, ja, vielleicht auch meine Anspruchshaltung an mich selbst gleich so negativ gesehen? Ist es denn nicht sogar gut, dass ich mehr von mir erwarte, weil es eben genau zeigt, dass ich mir eigentlich schon mehr zutraue?

Ich möchte es nicht einfach laufen lassen. Ich möchte mich und mein Verhalten im Griff haben, ja, ich möchte die Kontrolle. Ich möchte nicht mit grenzenloser Disziplin auf alles zu verzichten, das ist nicht gemeint. Aber ich möchte selbst entscheiden, wann ich mir etwas mit Genuss gönne.

Ich möchte mich nicht länger von meiner Sucht nach Essen und meinem gestörten Essverhalten fremdbestimmen lassen. Ich möchte bewusst handeln und bewusst essen.

Ihr kennt das Zitat meines Psychiaters. Ich habe all` Eure teilweise sehr entrüsteten Reaktionen gelesen, aber hat er wirklich so Unrecht? Meine Eltern haben mich verwöhnt. Mit Aufmerksamkeit, mit Liebe und mit Schutz. Ja, und mit Geschenken, das kann ich nicht abstreiten.

Egal, ob ich ein Bild gemalt, mein Zimmer aufgeräumt oder einen Purzelbaum geschlagen habe, meine Eltern haben mich gelobt. Alles, was ich getan habe, wurde gesehen und wertgeschätzt. An einen Moment, dass ich mal auf eine Reaktion warten musste, kann ich mich tatsächlich nicht erinnern.

Wann immer ich vor etwas Angst hatte, wurde ich beschützt. In Sport war ich `ne Niete. Und ich weiß gar nicht, was zuerst da war. Mein Asthma oder meine Angst vor sportlichen Wettkämpfen und dem Vergleich mit anderen. Sportunterricht, Schwimmen oder Bundesjugendspiele? Ich hatte ein ärztliches Attest und Freistunde. Und den Schulkiosk für mich ganz allein.

Und auch wenn ich zum Beispiel die Mathematik-Klausur geschwänzt hab, hatte das keine negativen Konsequenzen. Mein Berufswunsch „Tierheim-Helferin“ schien mir auch ohne Mathe durchaus realistisch. Ich wurde nicht, wie ich es nur aus Filmen kenne, mit Liebesentzug oder Fernsehverbot bestraft, wenn es nicht gut lief.

Nein, dann wurde ganz in Ruhe geschaut, woran es lag. Ich wurde getröstet, weil ich selbst natürlich nichts dafür konnte, sondern vielmehr der Mathelehrer, na, oder einfach Mathe im Allgemeinen schuld war, und bekam einen Nachhilfelehrer.

Meine Eltern haben mir schlichtweg alles verziehen, ich war nie Schuld. Es wurde immer geschaut, was mich zu diesem oder jenem Verhalten gebracht hat, und dann wurde daran gearbeitet.

Mein Essverhalten sieht das leider anders. Ich bin ganz allein selber dafür verantwortlich, wie viele Kalorien ich zu mir nehme und ich trage ganz allein die Konsequenzen, indem ich Gewicht zunehme. Ursache-Wirkungs-Prinzip par excellence.

Und genau hier frage ich mich, ob in dem Punkt Essverhalten Regeln und Disziplin nicht sogar durchaus angebracht sind. Wenn Hunger und satt nur noch Fremdworte sind, man sein Bauchgefühl so verschreckt hat, dass es erstmal neue Kraft tanken muss, können doch genau diese Anforderungen an sich selbst nicht schlecht sein.

Bitte korrigiert mich, aber sich an Regeln, Strukturen und Verbote zu halten, gehört doch dazu, wenn man etwas neu lernen möchte. Möchte ich eine neue Sportart lernen, gibt es da doch auch Regeln und Verbote.

Mein bester Freund Batomae hat mal Sport studiert und ich weiß noch, dass ich ihn 2011 auf einer Tour nachts im Nightliner die Regeln für’s Speerwerfen abgefragt habe. „Während ein anderer Schüler wirft, darf niemand auf dem Feld sein, weil er sonst vom Speerwerfer durchbohrt werden könnte.“ Bestes Beispiel, dass Regeln manchmal Leben retten können.

Eure Jana

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9 Kommentare

  1. Liebe Jana,
    Du hast recht, um etwas zu lernen, sollte man sich an die Regeln halten.
    Aber was sind die Regeln?
    Beim Abnehmen klar: weniger Input wie benötigte Energie.
    Klingt leicht, isses aber nicht.
    Im Leben? Keine Ahnung, vielleicht sich selbst und seinen Nächsten zu lieben?
    Ich gehe einfach mal davon aus. Das ist nämlich verdammt schwierig.
    Aber wenn wir das alle tun würden, gäbe es keine Probleme mehr, oder?
    Ich denke, liebende Strenge ist das richtige Wort… ich versuche, mich an die Regeln zu halten, mich zu lieben aber wenn es nicht so klappt wie gedacht, nicht durchdrehen, sondern schauen, woran es liegt…
    Vielleicht kannst Du damit was anfangen.
    Einen schönen 1. Advent
    LG
    Karin

    • Liebe Jana,

      Mit Erschrecken stelle ich gerade fest, dass wir sehr gegensätzlich erzogen wurden aus familiärer Sicht und im Bezug auf eigenes Essverhalten bin ich eher der Typ der nichts mehr runterbringt oder sich verbietet. (aber Übergewichtig bin ich dennoch).

      Sicherlich sind Struktur und Disziplin richtig, auch Erwartungen.
      Ich glaube aber, dass das Zauberwort oder die Formel in dem Fall „Maß halten“ ist und ähnlich deinem Problem ist.
      Wenn du zu hart zu dir bist und die Erwartungen zu hoch steckst, dann wird der Druck zu groß und was dann passiert weißt du selber. Ich glaube Weichheit oder eine gewisse Art von „smooth“ ist okay. Es bedeutet nicht, dass du maßlos ausrasten darfst. Aber ich denke, dass es auch nicht schlimm ist,wenn es eben mal ein Stück Schokolade mehr ist oder xy deiner Wahl. Es darf halt nur keine Gewohnheit werden, nicht ausufern. Balance finden bedeutet auch liebevoll zu sich selber zu sein. Ich habe auch verlernt mir Gutes zu tun, dass bezieht sich aber weniger aufs Essen, mehr auf alles andere.
      Da heute aber ein beschissener Tag war (katze hatte freitag kastration und heute hat sie versucht aufzulecken… ergo einmal notklinik und das in nem anderen ort ohne auto + fehlende helfer) und das Gute was ich mir jetzt tue ist… schlafen.
      Es ist nicht viel, aber meine Seele braucht das grad, damit das Zittern endlich aufhört.
      Und ja: es ist ok Angst zu haben und schwach zu sein.

      In diesem Sinne,

      Alles Liebe

  2. Also, wenn du behauptest, dass du allein Schuld daran bist, dass du mal wieder Unmengen isst, dann wärst du genauso Schuld daran, dass Mathe einfach nicht dein Fall war oder du in Sport eine Niete warst. Wenn das so einfach mit der Schuldfrage ist, dann könnte man es sofort ändern und bräuchte keine Therapie.
    Immerhin hättest du einfach so viel Pauken können, bis sich dir die Rätsel der Zahlen erschließen, oder so viel trainieren können, bis du jede Sportart vorbildlich beherrscht.
    Einiges kann man eben nicht direkt ändern und dein Psychiater ist nun eben der Nachhilfelehrer im Fach „Jana“.
    Ich weiß nicht, ob die Frage beantworten lässt, ob deine Eltern dich zu sehr verwöhnt habem, aber ändern kannst du es nicht, also kannst du nur versuchen dein jetziges Verhalten zu ändern, egal welche Ursache es hat.

  3. Ich denke, da hast du vielleicht einen Punkt bei den Lesern getroffen , an dem das Erleben sich unterscheidet. Ich hatte selbst auch Essprobleme in der Vergangenheit, bei mir und vielleicht auch bei anderen war der Grund dafür eher ein Zu wenig an dieser Fürsorge und Verwöhnung. Dafür viel Kritik an allem möglichen- das Essen dann als ein Versuch, mich selbst zu verwöhnen, wo andere es versäumten.
    Dass es auch davon ein schädliches Zuviel geben kann, ist mir auf der logischen Ebene bewusst. Es entspricht aber nicht dem Erleben, das ich habe. Ratschläge oder Tipps sagen letztlich oft das aus, was die Person selbst gerne hören würde oder brauchen könnte, die den Rat erteilt.
    Viele Grüße und alles Gute beim Finden deiner eigenen Erkenntnisse über deine Krankheit und ihre individuellen Ursachen!

  4. Hallo Jana, gehe zu einem Verhaltenstherapeuten, nicht zur Analyse / tiefenpsychologischen Psychotherapie. GlG C.

    • Hm, warum empfiehlst Du mir das? Ich habe das Gefühl, dass er die richtigen Fragen stellt und gute Denkanstöße gibt. Ich fühle mich sehr ernstgenommen, wohl und verstanden und finde es ganz spannend, nach den Ursachen zu forschen. Ohne die Gründe zu kennen, das Verhalten zu ändern ist ja fast wie Aufputschmittel zu nehmen, statt die Entzündung zu bekämpfen. Findest Du nicht?

      • Hallo liebe Jana,
        weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass der Körper eine Eigendynamik hat, die ich nur mit Vernunft nicht oder nur schwer verändern konnte. Eine kleine Änderungen einer Gewohnheit / eine „neue“ Handlung bringt mich ein Stück weiter. Und die veränderte Gewohnheit trägt mich durch das nächste Tief: Ich muss mir dann (!) keine Gedanken machen „warum“, sondern mein Körper macht einfach. Die Fragen und Anregungen nach den Gründen, Ursachen, Zielen etc. kommen in der VT genauso wie in der Tiefenpsychologie, nur kombiniert mit dem Bezug zum Körper. Mir fiel bei Dir z.B. auf, wie Du ein großes Stück Obst gegessen hast: in einem Haps. Darüber denkt man ja auch nicht nach, man macht isst einfach. Wäre ja auch echt übel, so im Normalfall. Aber dieses „Verhalten“, dieses „Reinstecken“ statt „Abbeißen“ war dann doch relevant, spätestens wenn Du zum Anziehen vor Deinen Kleiderstapeln stehst. Deshalb halte ich viel von der VT.

        Bisschen klarer?
        GlG Christiane

  5. Natürlich bedarf es ein „gewisses Mass“ an Selbstdisziplin und Nein, natürlich kann „man“ es nicht ständig- einfach laufen lassen-. Das wissen alle, die was für ihren Körper tun und lange gesund leben möchten. Du weißt das selbst am Besten, sonst würdest du nicht heute da stehen wo du stehst. Bleib gesund, aber zu auch was dafür (der Spruch meines Lieblungernährungscoches) trifft es!

  6. Pingback: Musik macht,dass es doppelt so weh tut.Musik macht,dass es nicht mehr so schmerzt. - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

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