So easy, wie ich gehofft hatte, ist meine Psycho-Therapie wohl leider doch nicht. Woran ich das merke? Erstens verspüre ich grad einen unglaublichen Drang, mich so voll zu fressen, bis gar nichts mehr geht. Und zweitens spannt mein Gesicht ganz fürchterlich, weil ich wieder an den kleinsten und für das bloße Auge nicht mal sichtbaren Fisselchen rumgedrückt, gequetscht und gekratzt habe. 

Habe ich bei meiner ersten Sitzung fast so etwas wie Enttäuschung verspürt, dass ich mich nicht direkt auf die Therapiecouch legen sollte, habe ich jetzt regelrecht Angst, diesen Schritt zu gehen. Yepp, mein Psychodoc hat mir heute angeboten, dass ich mich bei unserem nächsten Treffen am 19.12. auf die Couch legen darf.

Zuerst war ich regelrecht euphorisch, dass es jetzt endlich so wird, wie ich es aus Erzählungen und Filmen kenne. Ich habe seine Praxis auch damit verlassen, dass ich mich auf unser Wiedersehen freue. Aber je weiter ich mich von seiner Praxis entfernte, desto bewusster wurde mir, dass mich dieser „Blick nach Innen“, wie er es nannte, näher zu mir bringen wird.

Es wird um meine Gefühle und meine Empfindungen gehen und noch viel mehr wird es darum gehen, diese nicht zu kontrollieren, sondern zuzulassen. Unbewaffnet. Es wird darum gehen, Schmerzen auszuhalten, zu durchleiden und sie so hoffentlich aufzulösen.

Der Gedanke, keine Kontrolle zu haben, Gefühle aufkommen zu lassen und sie zu erleben, ja, zu durchleben, macht mir schreckliche Angst. Ich soll meine Kontrolle abgeben, an die ich mich all die Jahre so geklammert habe?

Mein Vater konnte loslassen. War eine Aufgabe auf seiner Arbeit nach Feierabend nicht erledigt, war sie ja am nächsten Tag auch noch da. Arbeit lief nicht weg. Sowas stresste ihn gar nicht. Ich bin anders. Im Beruf treiben mich Deadlines und Druck zu Höchstleistungen an – und wenn ich nicht abliefere, gehe ich erbarmungslos mit mir ins Gericht.

Hatte er mit jemandem Streit, egal ob beruflich oder privat, konnte er seelenruhig eine Nacht drüber schlafen. Ich kann einfach nicht gut sein lassen. Ich kann nicht lockerlassen, wenn etwas unausgesprochen bleibt und zwischen mir und einem mir wichtigen Menschen steht.

Lieben konnte mein Dad mit Leib und Seele. Ich kann keine Gefühle zulassen, wenn es um Dinge wie Liebe oder Zuneigung geht. In meinen Tagträumen schon, aber steht er dann vor mir, ist das Kitzeln im Bauch weg. Allein, dass ich „Liebe“ & „Zuneigung“ mit dem Wort „Dinge“ zusammenfasse, sagt wohl schon alles. Oh man.

Mein Vater war maßlos beim Trinken, ich bin es beim Essen. „Ich habe es von ihm gelernt, ich bin wie er“, ist eine Erklärung meiner Sucht, die stark zu bröckeln beginnt. Mehr und mehr wird mir bewusst, dass ich eben nicht wie mein Vater bin. Viel mehr versuche ich mit aller Macht, das genaue Gegenteil von ihm sie zu sein. Eigentlich traurig.

Eure Jana

P.S.: Meine Idee von gestern genau zu besprechen, haben wir leider nicht mehr geschafft, aber was sollte dagegen sprechen? Es geht ja nicht darum, mich zu kontrollieren, sondern nur darum, zu protokollieren.

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8 Kommentare

  1. Ich kenne die Situation, Gefühle zuzulassen und zu erleben, nur zu gut. Ich hab auch viele Gefühle verdrängt und nicht zugelassen. Gefühle zeigen macht verletzlich. Letztendlich ist diese Kontrolle über seine Gefühle nur ein Schutzpanzer, um gewisse Erinnerungen nicht erneut zu erleben. Aber Gefühle zuzulassen und den Schutzpanzer zu durchbrechen, ist die beste Möglichkeit, loslassen zu können und man fühlt sich letztendlich erleichtert. Panzer wiegen nämlich einiges. Manchmal mehr als die überschüssigen Kilos.
    Was ich letztendlich sagen möchte: überwinde dich und erzähle deinem Doc alles. Nur so kommt man zum Erfolg. Mir hat es damals geholfen. Seitdem ich meine Gefühle zulasse, kann ich viel entspannter Leben. Bin ich traurig, Weine ich. Bin ich wütend, werde ich lauter etc. Gefühle nach außen zu zeigen bedeutet nur, dass du zeigst, dass du mit bestimmten Situationen überfordert bist. Dadurch kann dein Gegenüber dir besser „helfen“. 😊
    Dir noch einen schönen Abend, liebe Jana und fühle dich gedrückt 😙

    • Annika Ostendorf Antworten

      Liebe Jana,
      ist das deine richtige erste Therapie? Du kannst stolz sein diesen Anfang gemacht zu haben. Und du wirst in kleinen Schritten durch die Therapie gehen und daran wachsen und Freude die Veränderungen wahrnehmen.
      Ich hab 5 Jahre eine Analyse gemacht, 2 Jahre tiefenpsychologische Therapie und im Endeffekt hat mir das DBT geholfen. Das ist eine Verhaltenstherapie. Stationär und ambulant. Ich bin durch den ganzen Schmerz durch und habe genau das gelernt, wovor du gerade so Angst hast. Das hatte ich auch. Auch heute noch ist es schwer Gefühle “ auszuhalten“. Aber es geht, es geht wirklich… Ein großer Teil von mir fühlt sich dann immer noch „anders“, aber ich weiß, das es richtig ist zu fühlen und dadurch zu gehen und bestenfalls sogar darüber zu reden. Es macht alles leichter, mich auch. Und, auch, wenn es Zeiten in der Therapie gibt, die sich erstmal nicht aushaltbar anfühlen, vertraue dir selbst. Deine Seele lässt das zu, was du auch verarbeiten kannst, lass dir Zeit und sei liebevoll mit dir….

  2. Ich wünsche dir ganz viel Kraft. Und ja, es wird die Tage geben, an denen du deinen Psychiater und vielleicht auch dicu verfluchst, Tage an denen alles über dir einstürzt, ABER es lohnt sich, denn du hast es verdient ein Leben ohne Psychofuck zu leben. Ich weiß, dass du stark bist und es schaffen wirst.
    Dicke Umarmung
    Domi

  3. Liebe Jana,
    Ich kenne aus meinen Therapien auch diese Gefühle. Richtig geholfen hat mir erst mein Therapie-Trüffel und Musik, die mich beruhigt und, die mir etwas bedeutet.

    Therapie-Trüffel ist ein Stofftier, dass mir mein Mann während meines ersten Psychosomatikaufenthaltes gekauft hat. Es begleitet mich seitdem immer in der Handtasche überall hin. Nimm ein altes Stofftier oder etwas, was dir etwas bedeutet doch mit zu den Therapien oder auch einfach unterwegs mit.

    Es tut nicht weniger weh, aber, zumindest ich, habe die Kraft es durchzustehen.

    Viele Grüße,
    Michaela

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