Es fällt mir sehr schwer, einen Fressflash als Freund zu sehen. Immer wieder lese ich in Büchern und Foren, dass ein Fressanfall wie ein Freund ist. Ein Freund, der uns davor beschützt, uns mit Themen auseinander zu setzen, die Schmerzen. Mit Themen, die wir nicht ertragen würden.

Seit gestern bin ich bei meiner Mama Zuhause in Volmarstein. Ein kleines Dörfchen an der A1, das zu Wetter an der Ruhr gehört. Klein, niedlich, beschaulich, familiär. Die Anreise war eine mittelschwere Katastrophe, weil durch den Schneefall so ziemlich gar nichts mehr ging, und ich war so froh, endlich die Wohnungstür hinter mir schließen zu können.

Schon mit dem Betreten des so hübsch geschmückten Wohnzimmers, der angenehmen Wärme und der von mir abfallenden Anspannung der Anreise – die letzten 2 Kilometer mussten wir mit Koffer und sonstigem Gepäck zu Fuß durch den Schneesturm den Berg rauf – spürte ich diese innere Unruhe. Ich fühlte mich wohl – Viel zu wohl. Und viel zu Willkommen.

Bin ich in Berlin und springe von Termin zu Termin oder einfach mit meinem besten Freund und seinen Jungs auf Tour, wehre ich mich gegen dieses Gefühl, diesen Drang zu Essen. Hier, Zuhause habe ich nicht mal den geringsten Widerstand gespürt und mich ohne zu zögern einem Fressflash hingegeben. Nicht bis zur Extase, dass gar nicht mehr ging.

Nein, vielmehr eher so gemütlich. Hier was zu Schnuckern, da was Leckeres. Dazu noch ein Brot, Lieblingskäse und Porridge, weil es eben so lecker und gesellig ist. Seit ich hier bin, habe ich eigentlich ständig etwas im Mund und es ärgert mich. Nicht so sehr, dass ich mich wehre, dafür ist mein Leidensdruck durch die äußeren Umstände zu gering, aber ich spüre diese traurige Grundstimmung, mal wieder versagt zu haben.

Ich habe ja über mich gelernt, dass ich Angst vor zu viel Gefühl habe, und auch mit wundervollen Gefühlen wie Liebe und Geborgenheit nur ganz schwer umgehen kann. Warum ich mich so fühle und den Drang verspüre, weiß ich. Trotzdem möchte ich ihn nicht als Freund sehen, der mich beschützt. Auch wenn ich mich grad nicht gegen den Fressflash wehre, gegen diesen Gedanken wehre ich mich vehement.

Danke. Aber, nein, Danke. Ich möchte nicht beschützt werden. Ich möchte zu den Gedanken durchdringen, warum ich solche Angst vor Liebe & Geborgenheit habe, auch wenn sie schmerzen. Und ich möchte mir meine Freunde selber aussuchen.

Außerdem brauche ich gar keine neuen, denn ich habe schon den besten der Welt. Und wenn er mir sagt „Jana, ich bin jederzeit für Dich da, aber ich werde Dir nach dem Fressen nicht den Mund abwischen und Dir nach dem Kotzen auch kein Handtuch reichen“ bin ich ihm dankbar, denn das ist Freundschaft.

Eure Jana

(Foto: Marion Ruhm)

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10 Kommentare

  1. Ja dieses Gefühl….es ist wahrlich nicht einfach und wenn ich es mir selbst eingestehe leide auch ich schon seit so vielen Jahren darunter….jeden Tag aufs neue zu Kämpfen ist echt schwer..besonders wenn man eine Vorbildfunktion hat…
    Danke Jana das du Mut machst mit deiner Ehrlichkeit….nicht auf zu geben immer weiter zu machen….

  2. Vielen Dank. Ich renne seit mehreren Jahren mit den selben Problem herum. Habe über 50 Kg zugenommen und Anfangs so schlimm dass ich oft fast erstickt wäre. Keiner hat mich verstanden. Ich hörte immer nur: du musst doch nur aufhören zu essen. Viel zu viel Schmerz hab ich in mir ertragen. Danke dass es hoffentlich wird dass auch das etwas ist wo härter ist als sich Menschen vorstellen können. Ich nehm es als Motivation. Ich bin nicht alleine und auch ich schaffe es da raus. Die Liebe und der Wille mich seelisch frei zu machen wird mich tragen. Danke für deinen Mut

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