„Alle scheinen hier oben zu sein, es gibt absolut keine Chance, bis zur Bühne durchzukommen. Es ist so voll, dass ich von hier hinten nicht mal auf Zehenspitzen etwas von der Bühne sehen kann. Die Musik erreicht mich trotzdem. Seine warme, rauchige Stimme umhüllt mich, er klingt so nah, so verführerisch, ich muss ihn gar nicht sehen, um sein Bild vor Augen zu haben. 

Mit seinem kleinen Grübchen am Kinn, seinen wilden Haaren und dem intensiven Blick. Ich kann mir genau vorstellen, wie er jetzt da vorne auf der Bühne steht, beide Hände fest ums Mikro geschlungen und mit dem Mund ganz nah dran. So nah, wie er mir heute in meinem Traum war.

Rechts von uns teilt sich die Menge einen kleinen Spalt, und bevor ich reagieren kann, greift sich Jule blitzartig meine Hand, und wir schlängeln uns etwa zehn Reihen weiter nach vorne. Sie hätte auch sicher problemlos noch ein ganzes Stück weiter gekonnt, da sie so schlank ist, bemerkt eh kaum jemand, wenn sie sich vorbeimogelt, aber mir war der Weg durch die Leute bis hierhin schon unangenehm.

Wir stehen etwa zehn Meter von der Bühne entfernt, eigentlich nah genug dran, aber wenn man sonst gewohnt ist, immer in der 1. Reihe zu stehen, kommt man sich hier schon ziemlich abseits vor.

Mindestens ebenso wichtig wie die Band zu sehen, ist ja, dass man auch von der Band gesehen wird, und hier hinten entdecken die Jungs uns bestimmt nicht. Trotzdem ist es unglaublich, was für eine Energie sich selbst hier hinten noch auf das Publikum überträgt.

Nicht weit hinter uns stehen fünf junge Männer, die schon jetzt total betrunken sind und plötzlich lauthals eine Gruppe von Frauen anpöbeln. Solche Spinner, die einfach nicht wissen, wann Schluss ist, gibt es zwar auf jedem Gig, aber die Typen übertreiben es gerade maßlos.

„Ey Dicke, lass mal tanzen“, kommt der eine auf mich zu, stolpert unbeholfen, fällt fast auf mich drauf, kann sich aber gerade noch auf seinem Kumpel abstützen.

Auch die anderen stehen hinter uns, als sie plötzlich lautstark „Wet T-Shirt Party“ grölen und ihre Biergläser anheben, als wollten sie uns damit über gießen. „Sofort die Biergläser runter, sonst komm ich euch da rüber!“, ertönt plötzlich eine wohlvertraute Stimme aus den Boxen. Er hat den Song unterbrochen, und auch die Band ist verstummt…“

( – „Das Mädchen aus der 1. Reihe“ hier geht’s zur Leseprobe)

Autor

Schreibe einen Kommentar