Ihr Lieben,
da ich nicht sicher bin, ob diese Erinnerung den Weg in die Fortsetzung von „Das Mädchen aus der 1. Reihe„ findet, möchte ich sie heute – am Geburtstag meiner Mama – mit Euch teilen.

(…) „Wie konnten meine Eltern das nur zulassen? Legt man den Grundstein für eine gesunde Ernährung nicht schon in der Kindheit? Dass mein Vater nicht eingegriffen hat, kann ich ja noch verstehen. Er ist ja selber süchtig und sicher der Letzte, der da einen Ausweg weiß. Aber meine Mutter hätte doch auch sehen müssen, dass das hier komplett außer Kontrolle gerät und ich es alleine einfach nicht schaffe.

Warum hat sie mich nicht einfach gezwungen, eine Diät zu machen? Als ich noch kleiner war, hätte das doch bestimmt funktioniert und dann würde ich jetzt nicht vor diesem Spiegel stehen und meinen Körper hassen.

„Ich muss jetzt ins Bad“ höre ich meine Mutter nun deutlich energischer von draußen durch die abgeschlossene Tür rufen. Ich bin grad so unbeschreiblich sauer auf sie, dass ich vor Wut die Stirn in tiefe Falten lege und ihr am liebsten entgegen brüllen würde, dass sie doch zusehen soll, wie sie klar kommt, ohne jetzt in dieses Bad zu können.

Schließlich ist sie schuld, dass es mir so geht. Sie hat mit ihrer Erziehung einfach mal komplett versagt. Und noch während dieser Gedanke wieder und wieder durch meinen Kopf halt, hasse ich mich dafür, dass ich ihn überhaupt gedacht habe.

Was bilde ich mir eigentlich ein? Meine Mama hat immer alles für mich getan. Erträgt jede meiner unberechenbaren Launen, hat all die vielen Jahre vor unserm Auszug nicht nur unter meinen ständigen Stimmungsschwankungen gelitten, sondern Abend für Abend zusammengekauert und völlig erschöpft von einem langen Tag als Verkäuferin auf dem kleineren Sofa mit meinem betrunkenen Vater Stunden um Stunden im Wohnzimmer verbracht, damit ich wenigstens kurz vorm schlafengehen, noch ein paar Momente ungestörter Privatsphäre in meinem Zimmer hatte.

Ein paar Augenblicke für mich allein, bevor sie sich mit zu mir ins Bett gelegt hatte, um nachts nicht meinem Vater ausgesetzt zu sein. Sie hat immer zurückgesteckt, niemals einen Wunsch oder eine Bitte geäußert, niemals ging es um sie, immer nur um die anderen. Immer nur um mich.

Sie hatte bei uns Zuhause keinen Platz, wo sie mal geschützt war, wo sie mal durchatmen konnte. Manchmal, wenn sie von der Toilette kam, konnte ich sehen, dass sie geweint hat, aber sie hätte es niemals zugegeben und wenn sie dann doch mal versucht hat, mit mir über ihre Ängste oder Gefühle zu sprechen, habe ich dicht gemacht und sofort das Thema gewechselt.

Zu hören, wie schlecht es ihr wirklich ging, hätte mich umgebracht. Das hat sie gelernt und es nie wieder versucht, sie hat ihre Verzweiflung über ihr Leben immer nur ganz allein mit sich ausgemacht.

Sie hat immer nur versucht, möglichst niemandem zur Last zu fallen, nicht aufzufallen oder für zusätzlichen Stress zu Sorgen, denn den gab es auch so schon jeden Abend genug. Wenn ich mich mal wieder mit meinem besoffenen Vater angelegt habe, nur um ihn in den Abendstunden, wenn er mir schon zur Grundschulzeit rhetorisch nicht mehr annähernd gewachsen war, fertig zu machen.

Ich redete mich wie in einen Rausch, um meinen ganzen Hass auf seine Sucht, auf meine Sucht, die unsere kompletten Leben bestimmten, loszuwerden. Er schaut mich dann nur mit seinen blutunterlaufenen, glasigen Augen an. Mit seinen Augen, die er kaum noch offen halte konnte. Dann versuchte er etwas zu erwidern, aber seine Zunge wollte ihm zu dieser Uhrzeit schon lange nicht mehr gehorchen und so tropfte ihm der Sabber aus den Mundwinkeln und er wusste genau, dass er verloren hatte.

Er hatte meinen Respekt verloren und daraus machte ich keinen Hehl, im Gegenteil, ich lachte ihn aus und schaute ihn mit einem Blick an, der ihm ganz klar zeigen sollte, dass er für mich in diesen Momenten nichts als Abschaum war. Ich muss bei dem Gedanken an früher tief durchatmen, Wahnsinn, dass mich sogar der Geruch seines verschütteten Weins heute noch heimsucht und mir einen schauer über den Rücken jagt.

Aber wenn ich jetzt, mit etwas Abstand einige Jahre nach unserem Auszug darüber nachdenke, war mein Verhalten damals nicht weniger ekelhaft als sein Anblick und jetzt gerade lassen mich noch viel mehr meine respektlosen Gedanken über meine Mama erschaudern. Ich sollte mich abgrundtief schämen.“

Auch wenn es mir unendlich weh tut, darüber nachzudenken und ich mich unglaublich für meine Gedanken und mein Verhalten – besonders gegenüber meiner Mama – schäme, möchte ich diese Erinnerung dennoch mit Euch teilen. Viele von Euch kennen meine Mama, aber was für eine unglaublich starke, herzliche, liebevolle und beeindruckende Frau sie wirklich ist, kann sich wohl niemand auch nur im Ansatz vorstellen.

Mama,
ich liebe Dich und Du hast nicht versagt, ganz im Gegenteil. ❤️ Du schenkst mir jeden Tag das Gefühl bedingungsloser Liebe. Dank Dir bin ich ein glücklicher Mensch – und das mit dem Essen bekomme ich auch noch hin … irgendwann.

Deine Jana

P.S.: Ich bin so froh, dass Du meine Leidenschaft für Musik und ganz besonders für Batomae teilst – und nun werde ich „Nur bei Dir (fühl ich mich Zuhaus)“  so laut anmachen, dass es der komplette Hackesche Markt hört und mit Dir Geburtstag feiern… zumindest in Gedanken.

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