Während ich die Speisekarte im Café Hilde durchblättere, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Nicht, weil ich Hunger hätte. Nein, nach einer großen Schüssel Porridge mit Krokant um 07:30 Uhr, einem Mandelhörnchen um 08:30 Uhr und dem großen Nougatring auf dem Weg zum Hilde, müsste ich eigentlich randvoll sein. Bin ich auch, und trotzdem kann ich mich nicht bremsen. 

Nein, vielmehr noch will ich mich nicht bremsen. Ich möchte essen. Ich möchte dem inneren Druck und dem ständigen Verlangen nachgeben. Es ist mir egal, dass ich in den vergangenen Wochen mehr als 15 Kilogramm zugenommen habe. Gut, nicht völlig egal, aber so egal, dass ich keine Kraft aufwende, dagegen anzukämpfen.

Meine Disziplin liegt erschöpft am Boden und als mich mein bester Freund besorgt fragt, woher dieser enorm Drang nach Essen kommt, gehen wir der Sache auf den Grund. Gemeinsam lassen wir die letzten Wochen Revue passieren und überlegen, wann sich meine Disziplin in den Winterschlaf verabschiedet hat.

Für mich war es eine enorme Herausforderung mit ihm auf Tour zu gehen. Die „Batomae – In Gedanken“ Tour hat mich geschafft. Nicht nur das viele Reisen, die langen Tage und der wenige Schlaf, die fehlende Tages-Struktur beim Essen, die für mich so wichtig ist, da sie mir sonst ein Gefühl von Beständigkeit und Sicherheit gibt, sondern auch die Emotionen vor, auf und hinter der Bühne haben mich erschöpft.

Für mich ist es noch sehr schwer, mit Gefühlen umzugehen. Gefühle, egal ob sie positiv oder negativ sind, machen mir Angst. Es fällt mir sehr schwer, mich Abend für Abend auf die Bühne zu setzen und aus meinem Leben zu erzählen, denn dann spüre ich, dass die Gefühle von damals wieder hochkriechen und mich gnadenlos heimsuchen, als wäre seitdem kein einziger Tag vergangen.

Ich bemühe mich trotzdem, sie zuzulassen und sie auszuhalten. Und da er nie von meiner Seite weicht, habe ich selbst dort oben auf der Bühne keine Angst. Auch dann nicht, wenn Tränen kullern. Ich fühle mich beschützt und ich spüre Abend für Abend, dass es unbeschreiblich wichtig ist, ehrlich und schonungslos zu sein, auch wenn es weh tut.

Trotz der vielen Tränen gehe ich gerne auf Tour und freue mich jetzt schon auf den Mai 2018, wenn es wieder los geht. Ich möchte mich meinen Gefühlen und meinen tiefsten Ängsten stellen. Ich möchte sie verstehen und ich möchte mich verstehen. Ich will verstehen, warum ich jedes aufkommende Gefühl unter einer schweren Decke begrabe. Unter einer Decke aus Essen.

Wie ich mich richtig ernähre, weiß ich. Meine Ernährungsberaterin ist einmalig und ich merke ja auch, dass es mir unglaublich gut tut, wenn ich mich gut und ausgewogen ernähre. Und es wäre auch auf Tour problemlos möglich gewesen, aber während der Tour mit meiner Therapie zu beginnen, war dann wohl doch eine Nummer zu heftig.

Bato hat noch gefragt, ob ich mir wirklich sicher bin, diesen großen Schritt in die Therapie während der Tour zu wagen. Seine Sorgen habe ich mit einem selbstsicheren Lächeln quittiert und das Thema mit einer langen To-Do-Liste vom Tisch gefegt. Aber ich muss gestehen, dass ich mich da überschätzt habe. Ich dachte nicht, dass die Therapie ein lockerer Spaziergang wird, aber dass ich fast jeden Tag heulend in der Backstage saß, nein, das hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet.

Ich weiß, dass ich die 15 Kilo ohne große Probleme, wenn ich genug und das richtige esse, wieder los werde. Vielleicht stressen sie mich auch genau deshalb nicht so wirklich. Aber ich bin gar nicht mehr so sicher, ob ich sie mit Disziplin loswerden möchte. Disziplin war nie mein Problem. Disziplin konnte ich immer wieder aufbringen, aber was hat sie mir gebracht?

Nein, ich werde mich nicht wieder unter Druck setzen, ich möchte mich nicht zwingen, diesen oder jenen Plan einzuhalten, nur um ihn dann, wenn der innere Druck doch wieder zu groß wird, über den Haufen zu werfen. Ich möchte was Neues probieren. Wenn es soweit ist, ja, wenn ich soweit bin.

Probiert habe ich dann heute früh bei unserer kleinen 2-Mann-Weihnachtsfeier erstmal das Bircher-Müsli. Lecker war’s und auch wenn die Speisekarte noch ganz viele andere Leckereien zu bieten gehabt hätte, war es dann irgendwie doch plötzlich gut. Die Gefühle anzusprechen und mit meinem besten Freund zu teilen, war viel besser, als sie unter einer Decke aus Kalorien zu verstecken.

Liebe Grüße,
Eure Jana

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7 Kommentare

  1. Und gerade deshalb ein umso größeres Danke dafür, dass Du es trotzdem gemacht hast: Auf der Bühne sitzen und Deine Geschichte weiterzugeben. Das ist nicht selbstverständlich und verdient größten Respekt! Denn nicht nur Ärzte retten Leben… 🙂
    Ein frohes, ruhiges (und hoffentlich weitestgehend disziplinloses) Weihnachtsfest!!!!

  2. Abend Jana,
    auch wenn dich die Tour geschafft hat ,so hoffe ich das du mehr zu dir und deiner inneren Ruhe findest um nächstes Jahr wieder mit Batomae auf Tour zu gehen. Ich kann dich und deine Tiefs und deine Ängste verstehen und den Drang zu Essen.Mir geht es auch nicht anders.Zum Glück lerne ich gerade über meine Gefühle und Gedanken zu reden und nicht alles mit Fressen herunter zu schlucken. Ich bin gerade dabei meine Gefühle zu zu lassen um dann zu schauen,was mich gerade Bedrückt und woher es kommt.Das gelingt mir nicht immer,wie auch ich bin erst am Anfang meines Weges.Aber jedesmal wenn es klappt freue ich mich riesig und ich stelle fest das die Fressanfälle dadurch weniger werden und wenn mal ein Tief/Fressanfall kommt,so gehe ich entspannter damit um bzw. kann mich besser mit meinen Ecken und Kanten akzeptieren.
    Ich wünsche mir das auch du den Weg dorthin mit Hilfe deiner Therapie/Freundes findest.
    Viel Glück und Kopf hoch,denn jeder Tag den du ohne Fressanfall schaffst ist ein Weg in die richtige Richtung.

  3. Pingback: 15 Kilo mehrauf der Waage - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

  4. Pingback: „Jana,Du bistdas stärkste Mädchender Welt.“ - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

  5. Ich wünsche dir nur das Beste mein Liebe! Bleib weiter stark, Essen kann manchmal ganz schön gemein sein! Und nicht vergessen: Am Ende sind die ganzen Sorgen und Ängste nichts wert. Einfach lächeln und weiter voran gehen. 🙂

  6. Pingback: Aus dem Takt gekommen. - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

  7. ich will abnehmen Antworten

    Hallo,
    ich hab gerade dein Artikel gelesen und kann das total nachvollziehen. Ich kämpfe auch immer mit meinen Pfunden, dass Problem liegt einfach darin das ich es einfach Liebe zu essen. Das macht es natürlich nicht einfach. Ich hab bis vor einigen Monaten noch 15 kg abgenommen. Ich konnte aber leider den leckeren Mahlzeiten nicht wiederstehen und hab jetzt wieder ganze 10 kg zugenommen. Dieses hin und her nervt mich total.
    Ich wünsche dir jedenfalls auf deinem weg viel Erfolg:-)

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