„Plötzlich ruft meine Mutter aus der hintersten Ecke des Ladens, hält mir ein langes, dunkelgrünes Kleid hin und deutet auf die Kabine. „Probier es doch einfach mal an, ich würd‘s so gerne mal an dir sehen.“ 

Ich ziehe eine Schnute und verschwinde mit dem Kleid, denn zumindest mal an mir sehen will ich es auch gerne. Wenigstens in der Umkleide, ich muss ja nicht rauskommen.

Liegt es an dem Duft in der Kabine oder daran, dass man sich hier in der Tat nicht eingeengt fühlt? Ich gehe einen Schritt auf den Spiegel zu und wieder einen Schritt nach hinten, irgendwie wirke ich schmaler als zu Hause. Ich sehe mir den Spiegel genauer an und fahre mit dem Zeigefinger über die Oberfläche. Er ist ganz leicht nach außen gewölbt, und irgendwie ist das Spiegelglas in einem leichten Kupferton eingefärbt.

Also, das nenne ich Kundenverarsche im ganz großen Stil. Natürlich verzerren diese Wölbspiegel das Bild und lassen einen schlanker aussehen, die Einfärbung sorgt auch, passend dazu, direkt für einen gesunden Teint.

Ich nehme das lange Kleid aus dunkelgrünem Chiffon von dem mit Samt bezogenen Kleiderbügel. Es ist ein Kleid in A- Line, also oben schmaler und unten weit, am Ausschnitt ist der Stoff mit verschiedenen grünschwarz schimmernden Perlen verziert, und dazu gehört noch eine dunkelgrüne Stola.

Ich mache den Reißverschluss an der Seite des Kleides auf und steige hinein. Einmal tief durchatmen, los geht‘s. Ich bekomme das Kleid zwar zu, aber es fühlt sich nicht so locker und leicht an, wie ich erwartet hatte. Langsam drehe ich mich zum Spiegel und bin geschockt.

Oben an der Brust ist es viel zu weit, ein schönes Dekolletee sieht anders aus. Die Arme sind schwabbelig und trotz Spiegel käseweiß. Da kann jetzt das Kleid nichts für, aber es sieht einfach scheiße aus. An der Taille sitzt es eigentlich ganz okay, das ist wohl der einzige Bereich, an dem der Umfang meines Körpers zur Kleidergröße passt.

Und dann kommt der Bereich des Grauens. Am Hintern, an der Hüfte und besonders an den Oberschenkeln scheint mein Körper den Stoff sprengen zu wollen. Ich sehe aus wie ein Weihnachtsbaum, den man in sein Transportnetz geschossen hat, absolut unmöglich.“

(aus „Das Mädchen aus der 1. Reihe“)

Oh ja, besonders im Moment sorgt der Gedanke, etwas Festliches für den Weihnachtsabend zu kaufen, bei mir nicht unbedingt für Begeisterungsstürme. Die 15 Kilo, die ich während der Tour im letzten Monat zugenommen habe, lassen mir aber nicht so wirklich eine andere Wahl. Also in dieses Kleid, dass ich mir erst im Juli diesen Jahres gekauft habe, passe ich definitiv nicht mehr.

 

Trotzdem bin ich stolz auf mich, dass ich – anders als in der Vergangenheit – nicht mal drüber nachdenke, eine kleine Crash-Diät einzulegen. Da bin ich tatsächlich einen großen Schritt weiter. Und so fühlt sich die Gewichtszunahme gar nicht so sehr nach Rückschritt an. Vielleicht ist es wie mit der Homöopathie: Es muss erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann. Aber mal im ernst, hätten es denn nicht auch einfach 5 Kilo getan?

Eure Jana

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