Wir hatten mit Sicherheit nie das beste Verhältnis zueinander. Ich habe oft an ihrer Glaubwürdigkeit gezweifelt und bei unseren meisten Treffen habe ich sie blöd in der Ecke stehen lassen. Aber dass mich meine Waage nicht mal mehr erkannt hat, machte mich schon traurig. 

Bei jedem Gewicht zwischen 79 und 90 Kilo, was bei mir ja durch die 170 Kilo Höchstgewicht leider keine unüblichen Schwankungen sind, konnte ich mich drauf verlassen, dass oben links in der Anzeige mein Name aufblinkt. Ohne Tadaaa und ohne imaginäres High-Five, aber meine Waage konnte mich zumindest zuordnen.

Als ich gestern früh auf die verstaubte Waage im Badezimmer meiner Mum gestiegen bin, traf mich zwar nicht direkt der Schlag, sondern erstmal nur der Wischer, der ziemlich unglücklich in der Ecke stand, erschrocken hab’ ich mich trotzdem. Noch mehr nur beim Blick in den Spiegel. Man sagt ja, dass die Haut der Spiegel der Seele ist, aber so beschissen wie ich aussehe fühle ich mich eigentlich gar nicht.

Vielleicht habe ich es aber auch einfach nicht gespürt, weil sich all meine Gefühle, egal ob sie gut oder schlecht sind, unter einer großen Decke mit Süßigkeiten versteckt haben. Und Popcorn. Und Eis. Und Pudding. Yepp, die haben es sich da völlig unbemerkt schön gemütlich gemacht, ne Fressorgie gefeiert und mich lassen se mit `nem debilen Vorweihnachtsgrinsen durch die Gegend laufen. Na, schönen Dank auch.

Als mir das gestern bewusst geworden ist, habe ich mich irgendwie so richtig verarscht gefühlt. Und zwar von mir selbst. Yepp, ich bin nicht nur die Königin des Anhimmelns, wenn er grad nicht hinschaut, nein, ich bin auch die Kaiserin des Selbstbetrugs, wenn es um Gefühle geht.

Gefühle? Kenn’ ich nicht, will ich nicht, brauch ich nicht. Gefühle können verletzt werden und genau das möchte ich unter gar keinen Umständen riskieren. Also Gefühle für andere Menschen habe ich, aber nur bis zu dem Punkt, dass die Gefahr besteht, dass diese erwidert werden. Dann mache ich dicht. Komplett.

Aber ich hab’ gestern was Neues versucht. Ich habe ja schon erzählt, dass mich meine Mama bedingungslos liebt. Ja, ihrer Liebe kann ich mir immer sicher sein. Ob ich sie grad verdient habe oder nicht. Also habe ich mich auf das Experiment eingelassen.

Ich habe mich in ihrer Gegenwart wohl gefühlt und habe genau das auch zugelassen. Bedingungslos. Ich habe bemerkt und gespürt, wie schön die Wohnung dekoriert ist, wie liebevoll der Tisch gedeckt ist, dass sie extra meine Lieblingsmusik angemacht hat. Ich habe ihre Zuneigung genossen und erwidert. Ihren verwunderten Blick hättet ihr mal sehen sollen, als ich mich an sie gekuschelt habe. Es tat unglaublich gut, Liebe und Wärme zu spüren.

Ich muss ihr jetzt nur noch abgewöhnen, dass sie mir ihre Liebe zusätzlich mit den leckersten Schnuckereien zeigen möchte. Ohne Druck, ohne Verzicht lasse ich das Eis, obwohl es Erdbeer-Kokos ist,  die Schoki und den übrigen Kram stehen. Zumindest heute. Meine Mama, wenn sie mich in die Arme schließen möchte, nie wieder.  OK, die Nüsse und die Avocado… doch, die nehm‘ ich wohl auch.

Fühlt Euch gedrückt,
Eure Jana

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