Ich weiß, dass ich manchmal zu sehr in der Vergangenheit lebe. Und, ja, mir ist durchaus bewusst, dass ich ein unglaubliches Talent habe, die Vergangenheit und noch mehr die Protagonisten meiner Erinnerungen zu glorifizieren. Ich genieße es, in Erinnerungen zu schwelgen und dies ganz besonders, wenn es mir grade nicht so gut geht.

Heute ist so ein Tag. Dass es gestern mit dem Essen zum Abend hin immer schwieriger wurde, habt ihr ja mitbekommen, aber ich dachte, dass der Druck nachlassen würde, dass er über Nacht entweichen und ich mit einem guten Bauchgefühl in den neuen Tag starten könnte. Ich habe mir gewünscht, einfach aufzuwachen und bei der Zubereitung meines Frühstücks den Porridge mit Maronen, statt mit Disziplin zu garnieren.

Aber die Maronen habe ich gestern Nacht dann doch noch gegessen, denn ich konnte mich einfach nicht bremsen. Und wisst ihr was? Ich möchte mich nicht immer bremsen müssen, ich möchte nicht standhalten müssen, ich möchte nicht durchhalten und stark sein. Ich möchte einfach den Drang nicht spüren, ich möchte der Lust und der Sucht nicht widerstehen müssen. Ich möchte, dass sie verschwindet. Ich bin es so leid.

Wenn ich erst schlank bin…

Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mein Leben auf „nach der Diät“ verschiebe. Oh je, wie oft fangen meine Gedanken mit „Ach, wenn ich doch erst schlank bin, dann…“ an. Was würde ich alles tun? Ein Kochseminar besuchen, ohne, dass sich die Menschen fragen, was denn die Dicke dort will. Einen Tanzkurs besuchen, ohne dabei die mitleidigen Blicke zu spüren, weil ich keinen Tanzpartner finde. Und mit meiner Lieblingsmusik in den Ohren joggen gehen, ohne dass mir die Gelenke weh tun und meine Fettschürze vom Schwitzen wund wird.

All das und noch so viel mehr nehme ich mir für mein Leben „danach“ vor. Und schon während ich darüber nachdenke, schleicht der Gedanke durch meinen Kopf, was denn wäre, wenn ich einfach jetzt damit beginnen würde. Was wäre, wenn ich jetzt leben würde, und statt mal wieder in Selbstmitleid zu baden, wirklich ins Schwimmbad gehen würde?

Ja, das Leben ist nunmal voller Trigger. Zu viel Lob oder zu wenig. Zu viel Zuneigung oder Einsamkeit. Nuss-Mandel-Mix oder Brownie-Kuchen mit Karamell-Topping. Ja, meine Güte, das Leben ist voller Versuchungen und Einladungen zum nächsten Fress-Flash. Aber muss ich sie denn alle annehmen? Erst heute habe ich im ZDF „Volle Kanne“ Interview gesagt, dass ich dem Ganzen nicht mehr mit Disziplin begegnen möchte. Ist das nicht schon wieder ein Extrem?

Mittelmaß als höchstes Ziel

Liegt nicht vielleicht sogar genau darin die Kunst, mal diszipliniert zu sein und mal genussvoll? Ist nicht auch hier ein gesundes Mittelmaß erstrebenswert? Ja, es klingt im ersten Moment vielleicht komisch, das Mittelmaß als Perfektion anzustreben, aber vielleicht ist genau das der Knackpunkt des Ganzen.

Blöd, dass ich mir darüber Gedanken mache, während ich auf die Jumbo-Pizza für 4 Personen warte. Meine Mama wird für eine Person essen, ich für die übrigen Drei… und schon bin ich mit meinen Gedanken wieder bei unserer Konzert-Lesung, lasse mich in Gedanken ganz in die Musik meines besten Freundes fallen und wer diesen Zusammenhang versteht, hat uns schon mal live gesehen. Wenn bei Dir grad nur Fragezeichen um den Kopf schwirren, schau‘ gerne mal hier in unsere „Konzert-Lesung“ rein.

Federleicht

Bin ich auf seinem Konzert, lebe ich im Hier und Jetzt. Ja, da fühle ich mich federleicht und bin verrückt verloren, lasse mich in seine Musik fallen, von seiner unglaublichen Stimme durchdringen, von seinen Texten umarmen und bin einfach nur glücklich und frei. Vor seiner Bühne ich ein anderer Mensch. Liegt es vielleicht auch daran, dass die Leute oft so dicht gedrängt stehen, dass niemand freie Sicht auf meine größten Problemzonen hat? Konzerte sind wirklich die große Ausnahme und schenken mir die wundervolle Möglichkeit, meine Maske abzulegen, an der Garderobe abzugeben und irgendwann wird der Tag kommen, dass ich sie auch ganz einfach dort vergesse und ENDLICH ICH bin.

Eure Jana,
die heute mal extra nichts vom Essen bei Instagram gepostet hat, da ich Euch nicht triggern wollte.

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Autor

4 Kommentare

  1. Liebe Jana,
    Für mich war es so, dass mein Leben tatsächlich da begann als ich nichts mehr auf „wenn ich Schlank bin „ oder „ wenn ich einen Freund habe“ verschoben habe.
    Ich habe angefangen, alleine ins Kino zu gehen, ins Schwimmbad, bin alleine in den Urlaub gefahren.
    Dabei habe ich mich tatsächlich selbst gefunden.
    Das hat wohl langfristig auch bewirkt, dass ich das Binge eating losgeworden bin.
    Ich wünsche Dir auf Deinem Weg alles Gute!
    LG Karin

  2. Liebe Jana,

    Ich erkenne vieles von Deinen Gesagten und Geschriebenen wieder. ich wog vor 3 Jahren 155 kg und nahm ab als ein Arzt mir sagte daß ich kurz vor einem Herzinfarkt stünde. Ich nahm ab bis ich 67 kg wog. Ich verlor das Gewicht in 15 Monaten.
    Ich dachte in dieser Phase ständig ans Essen, ich zählte Kalorien und ich könnte vor Hunger schlecht schlafen.
    Ich freute mich auf die bessere Zeit nach der Diät. Ich würde sicher viel hübscher sein.
    Das war ich aber nicht. Ich sah nur anders aus. Nun hing die Haut. Überall. Vieles versteckt unter der Kleidung, aber am Hals und im Gesicht sah man mir den Gewichtsverlust an. Ich sah älter aus. Nun machte mich das traurig. Wieder war ich nicht gut genug.
    Und so bewegte die Waage sich wieder. In die falsche Richtung und jeden Tag dachte ich, morgen schaffe ich es wieder. Ich hatte es schließlich schon einmal vor gar nicht länger Zeit geschafft.
    Aber mein Drang war und ist stärker. Ich erbrechen nicht, aber nur weil ich es gesundheitlich nicht darf.
    Nun werde ich ständig angesprochen. Oder auch nicht, aber ich sehe die Leute reden. Nun ist sie wieder fett…..
    Ja, ich wiege nun wieder 120 kg cirka, denn auf die Waage traue ich mich nicht.
    Ich liebe es nach wie vor zu essen, das Gefühl den Mund richtig vollgestopft zu haben. Ist das normal?
    Ich kann gut gegessen haben, doch nach kurzer Zeit möchte ich wieder schlemmen.
    Bei mir ist es anders als bei Dir, ich liebe es immer zu Essen. Erst hinterher bin ich getroffen oder geschockt und verzweifelt.
    Mir ist nach wie vor das Essen extrem wichtig. Es ist für mich die reine Lebensfreude.
    Dabei darf ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so zunehmen. Meine OP Narben können reißen.
    Aber auch das hält mich nicht ab zu essen. Meinem Mann verheimliche ich meinen wahren Konsum.
    Vieles esse ich heimlich.
    Ich bin übrigens seit vielen Jahren in Therapie. Mir hilft die Therapie nicht bei meinen Essstörungen.
    Liebe Jana, nun habe ich Dir so viel geschrieben, aber das kennst Du ja schon.
    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen,dass Du weiterhin einen guten Weg gehst. Das Du ihn verfolgen kannst, auch wenn Du manchmal Umwege machen musst.
    Wir sind eben Menschen und nicht perfekt.
    Ich glaube Du bist ein feinfühliger Mensch, denn das zeigt mir alleine schon Deine wunderbare Ausstrahlung, ob dick oder dünn. Du bist eine schöne Frau.
    Alles erdenklich liebe für Dich
    Anita

    • Du Liebe, nein, „gesund“ diese wohligen Gefühle des Vollgestopft seins bestimmt nicht, aber ich kenne sie leider nur all zu gut. Sie sind wie eine weiche Kuscheldecke, die die Gefühle überdecken. Mir hilft meine Therapie, dabei, diese Decke zu lichten und die Gefühle mal genauer anzuschauen und ebenso, warum ich mich so sehr vor ihnen fürchte. Liebe Grüße, Jana

  3. Hallo Jana,

    ich habe Dich eben beim ZDF gesehen. Fühl Dich einfach mal umarmt! Obwohl ich an einem ganz anderen Punkt stehe im Leben, fühle ich mich Dir in Gedanken manchmal so nah und verstehe Dich sehr gut. Die Konzerte sind etwas sehr gesundes für uns und helfen uns immer. Noch besser ist es natürlich wie bei Batomae, wenn der Mensch da oben einen auch wirklich mag!

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