Habe ich vielleicht Angst, dass ich meinen Vater vergesse, wenn meine Sucht verschwindet? Habe ich Angst, dass er verschwindet, wenn meine Sucht verschwindet?  Immer wieder habe ich in Interviews gesagt, dass ich die Maßlosigkeit, die mein Vater bis zu seinem Tod am 08.08.2008 beim Trinken hatte, beim Essen übernommen habe. Ja, Kinder lernen von ihren Eltern, schauen sich das Verhalten hab, wollen genau so sein und übernehmen Verhaltensweisen oder möchten das krasse Gegenteil sein und verhalten sich entsprechend.

Ich habe meinen Vater geliebt. Trotz seiner Sucht, war er der Held für mich. Ich war seine kleine Prinzessin und er hat alles Menschenmögliche getan, um mir ein glückliches Leben zu schenken. Wenn ich mich an ihn erinnere, habe ich natürlich die Abende im Kopf, an denen er mit aufgequollenem Gesicht und blutunterlaufenden Augen sturzbetrunken durch unser Wohnzimmer gekrochen ist. Unsere Streitereien und Eskalationen, die angespannte Stimmung, die immer im Raum schwebte.

Du musst nicht durchhalten

Aber ebenso habe ich die Momente im Kopf, in denen wir über Gott und die Welt diskutiert haben. Die Stunden, die er mit mir und meinen Hausaufgaben verbracht hat, Mathe konnte er genau so wenig wie ich. Oder den Sommer, als wir einen Teich im Garten für meine 3 Rotwangenschmuckschildkröten Anuschka, Kobusch und Joel angeleget haben. Die Nacht vor meinem Geburtstag, als ich durch die Schlitze im Rolladen beobachten konnte, wie er bis in die Nacht mein Baumhaus fertig gebaut hat. Ja, diese Erinnerungen trage ich im Herzen. Er hat mich nie nach Leistung beurteilt, er hat mich geliebt und nie mit anderen verglichen. Ich musste nichts durchhalten oder schaffen, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen und seine Zuneigung zu spüren. Ich war von meinem Nebenjob an der Kasse beim Lidl überfordert, weil ich mir die unzähligen Nummern vom Obst und Gemüse nicht merken konnte und es mich stresste, wenn die Schlange an Kunden immer länger wurde? „Dann kündige und schau‘, was Dir Spaß macht.“ war seine Reaktion. Ich war meinem 1. Studium (Lehramt in Münster) nicht gewachsen, weil Fahrradfahren von Seminar zu Seminar quer durch die Stadt mit maßlosem Übergewicht bei Schnee und Glatteis so gar nicht mein Fall war? „Dann wechsel‘ die Uni und den Studiengang. Oder bleib‘ eineIch eine Weile Zuhaus‘, bis Du weißt, was Du willst“ war sein Kommentar, während er mich fest in die Arme genommen hat. Ich war sein Mädchen und für ihn war ich gut, genau so wie ich war.

Gegen eine Sucht kann man nicht gewinnen

Meine Papa war für mich mein Idol, mein starker Held – nur seine verdammte Sucht war stärker. War er nicht betrunken, konnte er alles. Nichts war für ihn unmöglich, schließlich war er mein Held, aber gegen eine Sucht kann man nicht gewinnen.

Wenn er es nicht schafft, dann ist es unmöglich, dann schafft es niemand.

War mein Gedanke und an den habe ich mich geklammert. Ich habe die Sucht gehasst, nie meinen Vater. Aber ist es wirklich so? Ist es unmöglich, eine Sucht zu besiegen?

Eure nachdenkliche Jana

Hier kannst Du Dich jetzt kostenlos für den Newsletter (und gleichzeitig ganz automatisch für alle Gewinnspiele auf diesem Blog) anmelden. Nur das Daumendrücken musst Du trotzdem noch selbst übernehmen. – Viel Glück.

Autor

9 Kommentare

  1. Liebe Jana, ich bewundere dich.
    Ich habe erst Gestern bei Frühstück-Sendung von dor erfahren, und du hast gleich bei mir Interesse geweckt.
    Och habe bis jetzt auch vieles durchgemcht mit Essstörungen, ohne das es jemand von meine Mitmenschen mitkriegt.
    Du sollst weiter kämpfen und ich bin ziemlich socher das du es schaffst. Für mich hoffe ich das gleiche.
    Liebe Grüße

  2. Ich habe voele Jahre gebraucht, dass die Sucht nicht mein Gegner ist und ich deshalb nicht gegen sie kämpfen muss. Sie schützt mich und ist ein „Anzeiger“ für mich. Sie sagr mir, wie es mir geht. Ich weiß heute, dass ich sie mir erlauben darf, dass wir ab und zu „zusammen sein“ müssen, wenn ich mich durch nichts Anderes beruhigen kann Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das, wogegen ich ankämpfe, das, was ich ablehne, zm so hartnäckiger bei mir bleibt. Ich muss meine Sucht nicht für immer verbannen. So lange ich sie noch „brauche“, ist es wichtig, das so anzunehmen und mich nicht noch dafür zu hassen. Es gibt von Maria Sanchez (von all ihren Büchern abgesehen) eine CD „Vor dem Essanfall/nach dem Essanfall“. Sehr hilfreich, wie ich finde, weil es auch sehr darum geht, liebevoll mit uns selbst umzugehen….. Auch und vor allem nach einer Essattacke. Ich habe viele viele Jahre unterschiedlichste Therapieformen hinter mir. Ich bin bei Somatic Experiencing gelandet. Bestens!

  3. Pingback: Ich bin echt eifersüchtig. - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

  4. Liebe Jana,
    ich habe dein Buch schon gelesen und verfolge immer wieder mal deine Einträge. Dein Interview im Frühstücksfernsehen hat mich allerdings besonders berührt und es dauert auch noch an. Ich habe erst da verstanden, dass du eine Frau mittendrin, im Prozess und auch in der Essstörung bist. Bisher dachte ich, du schreibst mehr aus der Vergangenheit und rückblickend, wahrscheinlich habe ich nicht aufmerksam genug gelesen. Als ich dich in Natura gesehen und gehört habe, ich hätte dich einfach sehr gern in den Arm genommen, das war mein Bedürfnis. Wie das einer großen Schwester, kein Mitleidsdrücker.
    Auch ich befinde mich im Prozess, vielleicht an einem anderen Punkt in der Spirale, nicht weiter, aber woanders, denke ich.
    Ich habe ebensoviele Fragezeichen wie du, was die Sucht angeht, die Möglichkeiten, denn ich habe verschiedene Phasen erlebt.
    Ich konnte ein paar Jahre durchaus ein Stück Torte essen, ohne danach den Rest heimlich in mich hineinzuschlingen. Und dann wieder ein paar Jahre nicht. Ich war mal sicher ich hätte es für immer geschafft und dann war ich sicher, man kann es nicht, es gibt nur ganz oder gar nicht und dass ein Leben lang.
    Ich kenne Menschen und habe viele in Foren kennen gelernt, und einige davon haben es durchaus geschafft, eine Freundin von mir hat eine therapeutische Praxis, litt jahrelang unter Binge Eating und Bulimie (so selten kommt das glaube ich gar nicht vor in der Kombi), heute hat sie immer ein Körbchen mit Lieblingssüßigkeiten für ihre Patientinnen im Empfang stehen. Nicht die doofen Bonbons, sondern das feine Zeug, bei dem ich schwach werde. Und es hat dort nichts bedrohliches, es strahlt Genug aus. Das macht mir Hoffnung. Ich bewundere deinen Mut, dich so zu zeigen wie du bist und Menschen an deinem Prozess teilhaben zu lassen. Das könnte ich nicht. Ich lasse Menschen immer nur an dem teilhaben, was ich schon erfolgreich geschafft habe. Vielleicht kann ich mich ein bisschen von dir anstecken lassen <3 Danke.

    • Ich danke Dir und genau das spüre ich auch immer, es tut weh, zu schreiben, wenn es noch weh tut… Trotzdem glaube ich auch, dass es hilft. Mir selbst und anderen. Drück Dich ganz dolle, vielleicht ja im Mai einfach mal wirklich?

  5. Pingback: „Jana, Du bistdas stärkste Mädchen der Welt.“ - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

  6. Pingback: Ein Abschied für immer? - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

  7. Liebe Jana,

    vielen Dank für deine Offenheit! Auch ich habe jahrelang mit Binge-Eating zu kämpfen gehabt. Als ich dann Veganerin wurde und aufgrund von Magen-Darm-Problemen auf raffinierten Zucker, die meisten Zusatzstoffe, Fertigprodukte usw. verzichtet habe, dachte ich, ich hätte es endlich hinter mir – oder zumindest größtenteils. Denn eigentlich hätte ich immer noch mehr essen können. Nur war es nicht mehr so schwer, dem nicht nachzugeben.
    Im vergangenen Jahr kam die Essstörung aber schlimmer denn je zurück. Jetzt wechseln sich Phasen mit enormen Fressattacken (bis wirklich nichts mehr rein geht) mit „disziplinierten“ Phasen ab. Die ganze Zeit aber dreht sich alles nur ums Essen. Das hängt sicherlich mit meiner privaten (und psychischen) Situation dereit zusammen. In meinen Augen bin ich stets weniger wert als alle anderen. Habe an nichts mehr richtig Freude und werde ständig von diesem bedrückenden Gefühl begleitet, dass irgendwie nichts mehr richtig gut wird.
    Als ich gerade eben einen Beitrag mit dir gesehen habe, hast du mir wirklich aus der Seele gesprochen. Ich wünsche dir und allen anderen, die gegen eine Sucht ankämpfen, für dieses neue Jahr Kraft, Durchhaltevermögen, Zufriedenheit und die Liebe von Mitmenschen, die oft schon alles verändern kann.
    Fühlt euch alle im Geiste von mir umarmt!

Schreibe einen Kommentar