Ihr Lieben,
ich danke Euch so sehr für eure berührenden Kommentare und Reaktionen auf meinen Eintrag von gestern. Ich habe die Worte zwar niedergeschrieben, doch geistern die Gedanken weiter durch meinen Kopf. Liebe kann vieles, aber kann Liebe auch eine Sucht heilen? 

Ich erinnere mich an das 1. Treffen mit der neuen Freundin meines Vaters und an meine schrecklichen Gedanken. Gedanken, die mir grad einen Schauer über den Rücken jagen. Gedanken, die mir heute unendlich leid tun.

Vor mir steht bereits eine Cola light, und während ich mit den Fingern Punkte an das vor Kälte beschlagene Glas male, wandert mein Blick immer wieder Richtung Tür. Ich bin aufgeregt, denn mein Vater hat vorsichtig gefragt, ob er vielleicht seine neue Freundin Heike mitbringen dürfte, da er sich so wünschen würde, dass wir uns mal kennenlernen.

Ich finde den Gedanken zwar gewöhnungsbedürftig, ihn zusammen mit einer anderen Frau zu sehen, konnte ihm den Wunsch aber nicht abschlagen. Als die Tür aufgeht und ich ihn, Hand in Hand und sichtlich nervös, mit einer zierlichen, blonden Frau hereinkommen sehe, fühlt es sich merkwürdig an. Ich hatte mich zwar darauf eingestellt, dass es komisch würde, die beiden zusammen zu sehen, aber dass es so weh tut, hätte ich doch nicht gedacht.

Als ich sehe, wie sie meinem Vater auf dem Weg zu unserem Tisch beruhigend die Hand streichelt, empfinde ich, noch bevor wir nur ein einziges Wort gewechselt haben, eine Abneigung gegen diese Frau. Ich bin echt eifersüchtig.

Mein Vater nimmt mich zur Begrüßung lange in den Arm. Ich spüre, wie schnell sein Herz schlägt, und dann rieche ich plötzlich ganz deutlich, dass er Minzpastillen lutscht. Das tut er immer, wenn er etwas getrunken hat, um seine Fahne zu überdecken. Dieser leider sehr vertraute Geruch macht etwas mit mir. Meine Abneigung gegen die neue Frau an seiner Seite ist wie weggewischt.

Wir setzen uns und schauen in die überdimensional großen Karten, die uns der Kellner zum Glück gleich gebracht hat. Gemeinsam Essen auszusuchen ist sicherlich der leichteste Einstieg in so einen Abend. Mein Vater hält die Speisekarte so vor sein Gesicht, dass nur ich seinen fragenden Blick sehen kann. Ich lächle ihm zu, aber was soll ich denn nach den zwei Minuten auch anderes machen, ich weiß noch gar nichts über sie.

Mein Vater entscheidet sich für Nudeln, mir ist schon eine Weile aufgefallen, dass er Probleme mit den Zähnen hat. Seine Freundin bestellt eine Pizza Calzone und ich einen großen Grillgemüse-Salat mit Essig und Öl-Dressing. Ich mag das cremige Joghurtdressing mit italienischen Kräutern zwar viel lieber, aber dieses Dressing ist flüssiger, so dass es nur minimal an dem Salat hängen bleibt und sich das meiste Dressing unten im Teller sammelt. Das spart Kalorien.

Während des Essens sprechen wir über seine Arbeit, dass schon wieder mehr Stellen gestrichen werden mussten, dass vermutlich bald das Insolvenzverfahren eröffnet wird und er schon gar keinen Ausweg mehr für die Firma sieht. Es sei eigentlich nur noch ein Tod auf Raten.

Heike nimmt zärtlich seine zitternde Hand und flüstert ihm aufmunternd „Du tust dein Bestes, mehr kann niemand von dir verlangen“ zu. Ich sehe die Verzweiflung in seinen Augen, spüre aber auch (…)

(–aus Jana Crämer „Das Mädchen aus der 1. Reihe“)

Warum hätte es mich so sehr getroffen, wenn er nüchtern gewesen wäre? Weil er dann mit und für diese fremde Frau den Absprung geschafft hätte, aber für mich und meine Mama nicht? War mir dieser Gedanke wirklich wertvoller als seine Gesundheit, sein Lebensglück? Schon als ich diese Erinnerung damals aufgeschrieben habe, fühlte es sich so falsch, so grausam an. Heute bringt sie mich an meine Grenzen.

Eure Jana

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Autor

3 Kommentare

  1. Liebe Jana,
    schon eine Weile verfolge ich als stille Leserin und mit großer Bewunderung deinen Blog. Ich habe tiefen Respekt vor dem, was du bisher geschafft hast und wünsche dir von Herzen,dass du auch weiterhin deinen Weg zu deiner Zufriedenheit gehst.
    Die Zeilen dieses Posts berühren mich besonders, da mir deine Gedanken nicht fremd sind. Ich möchte dir sagen: Sei milde mit dir! Es ist ok so zu fühlen!
    Hab einen schönen Jahreswechsel und weiterhin alles Gute!
    Miyu.

  2. Liebe Jana,

    ich kann deine „negativen“ Gedanken und Gefühle in dieser Situation sehr gut verstehen. Bitte verurteile dich nicht dafür. Ich nehme an, dass du wegen der Alkoholsucht deines Vaters eine Menge durchmachen musstest und einiges vermisst und dir gewünscht hast was nie erfüllt und eigetreten ist. Mit anzusehen wie jemand anderem das Zuteil wird was man selber so gerne erlebt und gehabt hätte und stattdessen sein leben lang diesen schmerzhaften und schwer auszuhaltenen Mangel mit sichherumzutragen( und immer versucht ihn mit irgendetwas anderem zu füllen) ist mehr als schwer auszuhalten. Ich denke man darf dabei auch nich die kindliche Loyalität gegenüber beiden ELternteilen unterschätzen und die Zerissenheit die das mit sich bringt. Was du fühlst ist nicht das was dich ausmachst. SOndern wie du mit deinen Gefühlen umgehst und was du daraus machst.

    Liebe Grüße und eine feste Umarmung für dich <3

  3. Pingback: „Jana, Du bistdas stärkste Mädchen der Welt.“ - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

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