Oh, wie sehr ich es einfach nur liebe, die Abenteuer von Pipi Langstrumpf im Fernsehen anzuschauen. Damals wie heute, und auch jetzt zu Weihnachten habe ich wieder mit leuchtenden Augen auf der Couch gesessen und das stärkste Mädchen der Welt bewundert. 

Früher verging kein Tag, an dem nicht Pipis Name fiel, und so überraschten mich meine Eltern mit der wohl beste Geburtstagsfeier ever. All meine Freunde wurden eingeladen, im alten Baum neben der Terrasse lag versteckt die Limonade, mein Papa war der kleine Onkel und kroch auf allen Vieren durch den Garten und es gab Spaghetti. Spaghetti, die nur mit Händen und Schere gegessen wurden.

Als es Abend wurde und sich die letzten Kinder nach und nach verabschiedeten, nahm mich mein Vater auf den Arm und ich erinnere mich nur zu genau an seine Worte:

„Jana, Du bist das stärkste Mädchen der Welt.“

Ich hab in dem Moment nur gedacht, dass das doch ganz klar sei, denn schließlich war mein Papa ja in meinen Augen der stärkste Mann der Welt. Sowas wird ja schließlich vererbt. Ganz logisch.

Und je mehr mein Vater trank, je mehr der Streit jeden Abend vorprogrammiert war und je mehr die Luft nur so vor unausgesprochenen und herausgebrüllten Vorwürfen bebte, desto klarer wurde mir, dass es doch etwas gab, das stärker war als mein Dad: Die Sucht.

Mir kommen Bilder von unseren unzähligen Gesprächen hinten am Gartenteich in den Kopf. Wie wir weinend vor der kleinen Fischerhütte an meinem Schildkrötenteich gesessen haben. Wir haben einfach nur zusammen dort gesessen und geweint. Ich habe ihn angefleht, dass er doch endlich mit dem Trinken aufhören soll und er hat geschluchzt, dass das nicht geht. Und so wurde die Sucht für mich zu einer unbändigen Macht, die man nicht besiegen kann.

Wenn mein Papa es nicht konnte, dann kann es niemand, schließlich war ja er der stärkste Mann der Welt. Mein Papa hat mich geliebt und wenn es möglich gewesen wäre, hätte er die Sucht besiegt. Für mich, für sein kleines Mädchen.

Ist nicht vielleicht genau dieser Gedanke der Schlüssel? Ist es nicht vielleicht so, dass ich mich krampfhaft an der Sucht festhalte und nicht die Sucht mich gefangen hält?

Mein Papa hat mich geliebt, aber eine Sucht ist so stark, dass man sie nie los wird“ ist ein Leitsatz, der sich in meine Gedanken gebrannt hat. Wenn ich jetzt also ohne die Sucht leben könnte, wenn ich sie loslassen würde, würde das in meinem Kopf bedeuten: Wenn mich mein Papa mehr geliebt hätte, hätte er das trinken sein lassen können, denn man kann ohne die Sucht leben.

Dass mein Papa den Alkohol mehr als mich geliebt hat, ist ein Gedanke, den ich nicht ertragen kann. Immer häufiger kommen mir seit ein paar Tagen seine Worte in den Sinn, dass ich das stärkste Mädchen der Welt bin.

Bin ich wirklich stärker?

Gut, vielleicht bin ich nicht das stärkste Mädchen der Welt, aber vielleicht bin ich stärker als mein Vater? Vielleicht schließt es sich ja gar nicht aus, dass mein Vater mich geliebt hat und man eine Sucht trotzdem besiegen kann. Vielleicht konnte er es leider nicht, ich aber schon?

Und während ich diese Gedanken niederschreibe, spüre ich wie sie sich eine wohlige, tiefe Schwere in mir ausbreitet. Nicht so, als würde ich meine Gefühle unter einer Decke aus Essen begraben, dass es mich runter in die Tiefe zieht.

Nein, viel mehr fühlt es sich an, als wurden die Gefühle neben mir auf der Couch sitzen und ich lege ihnen eine kuschlige Decke um die Schultern, dass sie es gemütlich und warm haben. Vielleicht schauen sie ja genau so gerne wie ich Pipi Langstrumpf, wer weiß.

Eure Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, die ab heute groß denkt und loslässt. Danke Batomae, für dieses Lied, meine innere Hymne. Und wenn wir auf der Tour im Mai Spaghetti essen, werde ich das Besteck durch  Scheren ersetzen. Das wird ein Spaß.

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Autor

7 Kommentare

  1. Hallo Jana,
    das denke ich auch! Das eine schliesst das andere nicht aus. Der Gedanke, dass er seine Sucht mehr geliebt haben könnte als dich ist bestimmt nicht zutreffend! Alleine schon aus dem Grund, dass man seine Sucht ja gar nicht liebt, sondern vermutlich nur das Gefühl der Betäubung des inneren Schmerzes, wenn man der Sucht nachgibt! So liegt die Kunst vermutlich darin dem Schmerz anders zu begegnen als mit der Sucht oder sich dem Schmerz eine Zeit lang hinzugeben .
    Das ist natürlich die schwierigste Aufgabe, aber du bist ja gerade dabei sie zu meistern! Viel Erfolg ! …und denke daran, dass Rückschläge keine Niederschläge sind! Starke Mädchen stehen wieder auf und laufen weiter! 🍀

  2. Hallo Jana,
    dein Papa war nicht schwach, nur krank. Sucht ist eine Krankheit, die nicht mit Stärke bekämpft werden kann. Ich selbst bin seit 18 Jahren Mitglied der Anonymen Alkoholiker und habe dort so viele starke Menschen kennen gelernt, mich selbst eingeschlossen. Das Fatale am Alkoholismus ist, dass ich glaubte, ich habe so viel in meinem Leben geschafft, dass ich das mit dem Alkohol doch auch alleine schaffen muss. Darum verrecken so viele Alkoholiker an ihrer Krankheit, weil sie so stark sind und glauben, dass diese Stärke ausreicht. Doch gegen den Alkohol ist Stärke nichts. Ohne Hilfe schafft es kaum jemand aus der Sucht, egal welche Sucht (Alkohol, Drogen, Essen, Spielen, Kaufen, Sex, …), und egal ob diese Hilfe in menschlicher Form, in spiritueller Form, in medizinischer oder therapeutischer Form in Erscheinung tritt.

    Glaub mir, Jana, dein Papa war ganz sicher nicht schwach. Er litt nur an einer Krankheit, die fortschreitend, unheilbar und tödlich ist.

    Solange wir Menschen glauben, dass etwas, das von Außen kommt, unseren inneren Mangel ausgleichen kann, solange laufen wir alle Gefahr in einer Suchtkrankheit zu landen:
    „Wein doch nicht, Kind, nimm ein Stück Schokolade, dann wird alles wieder gut.“
    „Ich hatte solchen Stress bei der Arbeit, ich brauch jetzt ein Glas Wein.“
    „Der Streit mit meinem Mann hat mich fertig gemacht. Ich geh shoppen und gönn mir ein neues Kleid.“
    Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. In unserer Konsumgesellschaft scheint die Lösung nur von Außen zu kommen. Und wenn uns diese Lösung krank macht, umso besser, denn das „Gesundheitswesen“ ist auf enorme Profite ausgelegt. Je mehr Kranke es gibt, desto mehr Profit für die Pharmaindustrie, die Spitäler, die niedergelassenen Ärzte, etc.

    Die Lösung für das, was uns im Inneren fehlt, kann auch nur im Inneren gefunden werden. Und andere Menschen können uns helfen, das in uns selbst zu finden, was diese Leere füllt, so wie dein Freund Batomae, deine anderen Freunde, deine Familie, und vielleicht dein Therapeut, so wie das Schreiben hier, das so vielen Menschen hilft, mit ihren eigenen Problemen fertig zu werden. Du bist ein solches Geschenk, Jana. Du bist nicht alleine und du musst nichts alleine tun.
    Ganz viel Liebe
    Piefke

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  5. Ich lese mich gerade durch ein paar Beiträge von dir.
    Dieser hier hat mich besonders angesprochen.
    Mein Vater ist auch Alkoholiker. Mittlerweile trocken und aufgrund von folgekrankheiten nicht mehr bei klarem verstand (im wahrsten Sinne das Hirn weggesoffen…)
    Gerade als Kind hab ich immer wieder die Hoffnung gehabt das er aufhört.
    Später verteidigte ich ihn vor anderen (mache ich heute noch manchmal) habe immer versucht allen klar zu machen das er krank ist.
    Bei mir selbst ist eher die Angst davor da was bin ich ohne psychische Erkrankungen? Aber auch wie soll ich das schaffen wenn doch mein Vater es auch nicht geschafft hat. Ich halte mich irgendwie an den Erkrankungen fest. Ich leide unter meinen Erkrankungen und doch kann ich nicht loslassen, denn da habe ich Sicherheit, ich weiß wie ich fühle und wie mein Leben läuft. Es ist nicht angenehm aber es schützt mich auch davor mich all meinen Ängsten zu stellen. Und die Angst das es noch schlimmer wird wenn ich meine destruktiven Verhaltensweisen ablege ist noch am größten.
    Ich danke dir von Herzen das du uns hier an deinen Gedanken teilhaben lässt.

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