Ihr Lieben,
seit ich mich – zumindest vorläufig – mit dem Brief in der Silvesternacht von meiner Essstörung verabschiedet habe, passiert mir jetzt genau das, was sonst nur genervtes Augenrollen bei mir erzeugt hat. Sagte früher jemand zu mir: „Jana, ich vergesse ganz oft, etwas zu essen“, hat das bei mir ein völliges Unverständnis hervorgerufen. Um ehrlich zu sein, sogar fast schon Wut.

Vergessen etwas zu essen?

Dieser Gedanke war mir so unglaublich fremd, dass ich echt dachte, man würde es mir nur sagen, um mich zu ärgern. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass meine Gedanken nicht ständig ums kreisten. Bin ich nachts schlafen gegangen, war der letzte Gedanke, was ich denn wohl am nächsten Morgen essen könnte. Und noch während ich beim Frühstück saß, das meist wesentlich ungesünder ausfiel, als ich es mir vorm Schlafengehen ausgemalt habe, habe ich ausgerechnet, in wie vielen Stunden ich mir endlich was zum Mittag kochen konnte.

Disziplin & Kampf

Natürlich gab es bei mir Hungerphasen, in denen ich tagelang, manchmal wochenlang nichts gegessen habe. Gar nichts. Aber nicht, weil es ich es vergessen hätte, nein, weil ich mir schlichtweg beweisen wollte, wie viel Disziplin ich doch habe. Ich wollte mir beweisen, dass ich stark genug bin, abzunehmen. Ja, ich wollte mir beweisen, dass ich den Kampf gegen die Kilos gewinnen kann.

Jede Diät hat funktioniert.

Dass ich meinen Hunger jedoch weder mit Disziplin noch mit Kampf stillen konnte, hat mich wahnsinnig gemacht. Ich habe immer krassere Ernährungsformen ausprobiert: Low Carb, Slow Carb, No Carb, Schlank im Schlaf, SOS Schlank ohne Sport. Alles war dabei, alles hat funktioniert. Aber nur genau so lange, bis sich genau dieser eine, dieser ganz bestimmte Hunger, ja, diese unstillbare Gier meldete, die meine Disziplin immer und immer wieder nahezu mühelos in die Tonne treten konnte.

Seelischer Hunger

Seelischem Hunger kann man nicht mit Disziplin begegnen, noch weniger mit Kampf, Regeln oder Verboten. Seelischer Hunger nimmt sich was er will und wann er will. Und ihm ist egal, ob ich mich auf einen schönen Konzertabend mit Freunden bei Clueso gefreut habe. Seelischer Hunger hat also nicht nur keinen Musikgeschmack, er hat nicht mal irgendeinen Geschmack. Ihm geht es nur darum, möglichst viele Kalorien in möglichst kurzer Zeit zu vernichten oder tagelang zu fressen. Ganz wie es ihm grad in den Kram passt.

Im 7. Himmel beim Psychodoc

Ihr seht es ja hier bei Instagram, mein seelischer Hunger scheint ziemlich satt und zufrieden zu sein, seit ich in Therapie bin. Und nun passiert es mir tatsächlich auch, ich vergesse zu essen und ja, ich rolle mit den Augen. Und wie. Nie hätte ich das für möglich gehalten. Noch weniger nach nur 5 Sitzungen.  Mein Psychodoc und ich haben  viel über meinen Vater, seine Alkoholsucht und über meinen besten Freund gesprochen. Ihr kennt mich, ich spreche immer sehr gerne über Bato – Fällt das Thema auf ihn, bin ich im 7. Himmel, aber mein Psychodoc ist auch Batomae-Fan und das, obwohl er nichtmal seine Musik kennt.

Erst 5 Sitzungen, aber schon 3 Jahre in Therapie.

Mein Psychdoc sagt, dass ich genau genommen schon drei Jahre intensivste Therapie durch die Gespräche mit meinem besten Freund, mein Buch, unsere Konzertlesungen und die vielen Interviews hinter mir habe und es ihn deshalb gar nicht so sehr wie mich wundert, dass es mir schon so gut geht. Nur erwarte ich wohl etwas zu viel von mir, wenn ich mir wünsche, dass das mit dem Essen schon problemlos klappt. Bis ich mich wieder hungrig & satt fühle, muss ich wohl noch ein bisschen Geduld aufbringen.

Eure Jana,
die nun eine Runde über den Hackeschen Markt dreht. Mal schauen, worauf ich Appetit bekomme, wenn es so herrlich duftet.. 

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Autor

3 Kommentare

  1. Wow , dass Essen vergessen 😊
    Ja wenn ich psychisch ausgeglichen und der seelische Hunger gestillt ist, dann passiert mir das tatsächlich auch schon mal….
    Ich glaube auch das die „eigene“ Therapie, Freunde , Tagebuch, soziale Medien usw., ein guter Anfang sind. So hatte ich es vor 2 Jahren ja auch schon mal 54 kg lang geschafft.
    Nur bin ich leider nicht so hartnäckig wie du, oder noch nicht 😉
    Ich freue mich von ganzem Herzen für deinen Weg und jeden einzelnen Schritt in ein essentspanntes Leben 😘

    Liebe Grüße 😊

  2. Ach Jana…..endlich hat das Kind einen Namen… seit langer Zeit zaubert es immer ein Lächeln auf mein Gesicht, wenn du berichtest, wie gut dir die Gespräche mit und der Rückhalt von Batomae tun….und euch zusammen zu sehen, seine Texte über dich und für dich zu hören… all das zeigt, wie Recht dein Psychodoc hat. Du steckst wirklich schon lange mitten drin in deiner Therapie. David zu kennen ist wirklich ein großes Glück und du bist ein echter Glückspilz, weil er dein Freund ist <3 (ich glaube auch, dass er ein Glückspilz ist, weil du seine Freundin bist)… Faszinierend finde ich, wie man, wenn man genau hinschaut, auch die negativen Schwingungen zwischen euch erkennen kann….zB. wenn es dir nicht gut geht oder wenn ihm was quer sitzt (ich konnte das schon ein oder zweimal wahrnehmen)…..und das beste daran: es macht nix, es tut eurer Freudschaft keinen Abbruch…..ihr beide habt so etwas Wertvolles zusammen…echt toll!!!

  3. Ich liebe deinen Blog. Du sprichst mir aus der Seele und ich fühle mich Verstanden durch deine Beiträge.
    Leider bin ich noch nicht auf dem richtigen Weg, so wie du es bist, ich hoffe noch immer anscheinend auf ein Wunder.
    Und niemand versteht, wieso ich immernoch so esse. Und wieso ich immer dicker werde 🙈

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