Seit ein paar Wochen fühle ich mich unglaublich wohl mit mir und meinem Leben. Ja, ich kann wirklich sagen, dass ich angenehm unbeschwert durch die Tage gehe. Und wäre ich nicht so verdammt unsportlich, dass es mit gebrochenen Knochen enden würde, würde ich zwischendurch vielleicht sogar mal `nen kleinen Purzelbaum schlagen.

Langsam und stetig.

Warum auf einmal? Genau das habe ich mich auch gefragt. Woher kommt dieses neue Gefühl von Leichtigkeit? An meinem Gewicht kann es nicht liegen, denn so sonderlich viel habe ich in den letzten Wochen nicht abgenommen. Ihr könnt es ja jeden Morgen bei Instagram sehen, die Waage zeigt (anders als noch vor ein paar Wochen) keine größeren Ausschläge mehr.

Ich glaube, dass genau das der Punkt ist. Ich bin – genau wie meine Waage – dabei, mich einzupendeln, und dass diese selbstzerstörerischen Extreme bei meinen Gewichtsschwankungen und ebenso bei meinen Gefühlen ausbleiben, tut mir unglaublich gut.

Irgendwas hat sich verändert.

Denke ich darüber nach, was anders ist hat, bleibe ich immer wieder bei dem Gedanken hängen, dass ich schlichtweg Angst vor’m Essen hatte. Nicht nur, dass ich mich geschämt habe, wenn mir Menschen beim Essen zugeschaut haben. Nein, ich hatte sogar panische Angst vor bestimmten Lebensmitteln, die immer und immer wieder einen Fressflash ausgelöst haben, der in einer nicht enden wollenden Fressorgie endete.

Essen hat (k)ein Gefühl.

Der Geschmack von was Süßem sorgte bei mir zum Beispiel für ein dramatisches Gefühl von Unruhe. Eine völlig unbegründete Aufregung machte sich in mir breit, die ich fast als Panikattacke beschreiben würde. Mit Herzrasen, kaltem Schweiß und zittrigen Händen. Vielleicht war das süße Karamell-Popcorn, das ich mit neun Jahren bei einer Freundin gegessen hatte, während ihr großer Bruder einen Horrorfilm schaute, der Schlüsselmoment. Ihr kennt mich, dass ich schon beim Tatort Tausend Tode sterbe, ist kein Geheimnis.

Der Geschmack von was Salzigem hingegen beruhigte mich. Wie oft habe ich mit meiner Mama abends auf der Couch gelegen und Chips gegessen. Nach einem stressigen Tag von jetzt auf gleich zur Ruhe kommen und die wohlige Wärme von Geborgenheit spüren? Mit Pringels und NicNac`s eine meiner leichtesten Übungen.

Der Geschmack von was Fettigem schenkte mir ein Gefühl von Bestätigung „Ja, Jana, das hast Du toll gemacht!“. Mich nach einer geschafften Klausur am Hauptbahnhof mit `ner Pizzazunge auf die Hand zu belohnen, war schon ganz nett. Drei Pizzazungen hoben mich aber für die bestandene Prüfung in den Himmel und wenn dann noch Geld da war, durften es gerne noch kross frittierte Pommes sein. XL bitte, mit Curryketchup und Mayo. Schließlich war eine wichtige Klausur.

Falsche Verknüpfungen

Ich hatte mir also scheinbar über Jahre unbewusst antrainiert, bestimmte Geschmäcker mit Emotionen zu koppeln und diese Gefühle dann durch diese Speisen auch wieder abzurufen. Essen hatte auf einmal keinen Geschmack mehr, plötzlich hatte Essen ein Gefühl. Und da ich in meinem übrigen Leben sonst eher der Kopfmensch bin, wurde ich süchtig nach diesen Gefühls-Kicks, ich wurde süchtig nach Essen.

Mir jetzt ganz bewusst zu machen, dass es nur eine falsche Verknüpfung in meinem Kopf ist und diese Gefühle nicht real, sondern nur vorgetäuscht sind, hilft mir. Habe ich Lust auf etwas Bestimmtes, beobachte ich genau, was schon der bloße Gedanke an dieses oder jenes Lebensmittel mit mir macht.

Bekomme ich einen Adrenalin-Kick, wenn ich an die weißen Mini Dickmann’s denke oder macht sich eine angenehme Schwere in mir breit, wenn ich jetzt salzige Erdnüsse kauen würde und sich der Geschmack in meinem Mund ausbreitet? Oder die Pommes mit schön fett Mayo drauf. Sättigen sie mich oder geben sie mir nur ein imaginäres High Five?

Essen als Ersatzbefriedigung

Habe ich wirklich Appetit oder ist es nur eine Ersatzbefriedigung? Ist es die Sehnsucht nach einem bestimmten Gefühl? Und wenn ja, kann ich dieses Gefühl vielleicht auch anders bekommen? Kann ich mir ein warmes Bad einlassen, um die wohlige Wärme zu spüren?

Kann ich kurz Inne halten und mir selbst sagen, dass ich etwas ganz toll gemacht habe oder meinen besten Freund anrufen, der sich mit mir zusammen über den Erfolg freut und mir ein echtes Gefühl von „Ich sehe, was Du Tag für Tag leistest und erkenne es an“ schenkt? Oder mir ein spannendes Hörspiel anmachen, das mir die Haare zu Berge stehen lässt, wenn ich etwas Aufregung in meinem Leben brauche? Vielleicht „Die drei ???“ oder so.

Essen per se ist nicht gut oder schlecht, solange wir es in Maßen genießen. Essen ist lecker. Ja, Essen ist mal süß, mal sauer, mal salzig oder fettig. Essen schenkt uns Energie und bringt den Stoffwechsel in Schwung. Essen ist wunderbar gesellig und verbindet. Nicht umsonst gehe ich, während ich was esse, so gerne bei Instagram live, um mit Euch zu quatschen.

Aber ein Gefühl ersetzen? Nein, das kann und sollte Essen nun wirklich nicht. Ich kann ja auch keinen Puzelbaum schlagen, dafür kann ich andere Dinge. So hat eben jeder seins.

Fühlt Euch gedrückt,
Eure Jana

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7 Kommentare

  1. Kann ich total nach vollziehen. Ich weiss, dass fettiges Essen bei mir Leere und Einsamkeit besiegt und Süßes mir Geborgenheit gibt. Viel Essen lässt mich Stress vergessen. Gutes Essen ist auch meine Belohnung. Eigentlich dachte Ich, es hätte sich bei mir eingependelt. Die letzten zwei Monate haben mir leider das Gegenteil bewiesen. Aber ich hoffe, dass ich auch irgendwann Essen als etwas normales und nicht als emotionalen Bedürfnisstiller ansehen kann.

  2. Hi Jana

    Bei mir ist es mit den Lebensmittel, noch ein bischen anders.. Ich hab seit ich mich erinnern kann , ganz schön mit meinem Verdauung Probleme, ich weiß nicht ob dir Reizdarm etwas sagt. Auf Stress, Angst und Aufregung reagiere ich mit Darm/Magenschmerzen und wen es ganz heftig ist sitzte ich 2 Stunden auf dem Örtchen und mir geht es elend. Mit den Jahren hab ich gelernt mir selbst Ruhe zugeben, gelassener zu bleiebn, was mir sehr geholfen. Ich konnte mein Problem eindämmen. So mit 19 fing mein Körper an , Milch nicht mehr leiden zu können. Also ließ ich sie weg , bzw stieg auf Lactosefrei um (mitterweile weiß ich das es wohl auf die Verarbeitung der Milch ankommt). Wunderbar, ich entdeckte noch das ich mit Fetten vorsichtig sein musste. Für mich ist essen wie Spießrutenlauf… ich hasse es… ständig aufpassen zumüssen.. ob Milch , Sahne und co drin ist. Vorletztes Jahr hab ich ne Diät gemacht.. 24 Kilo abgenommern und dabei stellte ich fest das ich plötzlich auf ziemlich viele Gemüsesorten reagierte..( die ich früher aber vertragen hatte) Zuccini, Avvocado, Rottebeete, Lauch,Forelle , Stremmellachs,rohe Zwiebel. Nutella Thunfisch und noch ein paar Sachen. Und das hat mir so richtg den rest gegeben.. noch mehr Sachen wo ich aufpassen muss. Na toll.. ernähre ich mich normal..also wie vor der Diät…geht es mir wieder gut.. Allerdings hasb ich natürlich die Kilos wieder drauf..Aber ich will sie wieder los werden, jetzt bin ich auf der Suche nach meiner Diät, die mein Darm mag und mein Magen und mich nicht wieder ausnoggt..
    Also für mich hat Essen auch was mit Gefühlen zu tun..Angst das Falsche zu erwischen und teilweise ist es so wie du schreibst.

  3. Ich bin nur noch gestresst ,durch meinen neuen Job …Musste leider den Arbeitsplatz wechseln und bin jeden Tag 12 Std ausser Haus.Ich fühle mich dauer-ko.Dazu noch mein Freund ,der einen vergleichsweise Traumjob hat (Homeoffice ).Er zeigt null Verständnis für meine Situation….all das frustet mich und da ist ganz oft Essen ein Trostpflaster für mich …..ich weiß ,das es falsch ist .Trotzdem kann ich gerade irgendwie nicht anders 🙁

  4. Hallo!
    Danke für den ausführlichen Text. Hatte das bisher noch gar nicht so gesehen, aber beim lesen gab es so richtig ein aha Erlebnis.
    Ja die Gefühle spielen eine Rolle.
    Esse ich nichts bin ich stark und mein Selbstbewusstsein steigt.
    Süßes ist Entspannung pur,va am Abend um den Tag ausklingen zu lassen.
    Fressflashs sind dann eher mit überforderung gekoppelt oder wenn mir irgendwelche Gedanken ins Hirn schießen die ich nicht haben will. Das viele essen betäubt und das erbrechen ist wie eine Befreiung, danach bin ich so ko das ich gar keine Kraft mehr habe um über irgendwas nachzudenken.
    Binge Phasen ohne erbrechen waren bisher eher eine selbstbestrafung. Teilweise aber auch durch Nebenwirkungen verstärkt oder ausgelöst oder so. „jetzt hast du schon so viel gegessen, jetzt ist es auch wieder egal, dann kannst du auch weiter fressen, wirst eh fett, hast es eh nicht besser verdient“

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