Bei Instagram poste ich nicht nur, was und wieviel ich den Tag über so esse und welches Gewicht mir meine Waage am nächsten Morgen präsentiert, sondern nehme Euch immer wieder gerne mit durch meinen Tag.

Unsere „In Gedanken“ – Tour, Konzert-Lesungen an Schulen, meine Besuche beim Psychiater oder meiner Ernährungsberaterin, ihr seid immer dabei. Yepp, ich teile wirklich alles mit Euch. Eigentlich auch immer direkt in dem Moment. Bis gestern.

Ich habe mich so sehr für mich und mein scheußliches Verhalten gegenüber diesem Jungen geschämt, dass ich eine Nacht drüber schlafen musste. Würde es mehr wie ihn geben, wäre die Welt weniger grausam. „Worte sind Waffen“, sagt mein bester Freund Batomae, und ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn meine tödlich waren.

Anti-Shopping-Queen

Alles fing damit an, dass ich gestern zwei neue Pullover kaufen wollte, damit ich bei unseren Auftritten an den Schulen nicht immer ein und denselben trage. Ich habe mich zwar inzwischen halbiert, und wiege jetzt um die 80 statt über 170 Kilo, trotzdem hasse ich es, shoppen zu gehen.

Ein mieser Pakt

Sitzend an einem Tisch mache ich inzwischen eine gute Figur, aber sobald ich aufstehe, sieht das ganz anders aus. Meine überschüssige Haut und die Schwerkraft haben einen Pakt geschlossen. Ich bin komplett unförmig, alles wabbelt und schwabbelt, wenn ich laufe. Unter unserem Video wurde ich in einem Kommentar als chinesischer Faltenhund bezeichnet. Was soll ich sagen, der Vergleich liegt gar nicht so fern.

Das zu kaschieren ist wirklich eine Challenge und wie sehr ich Challenges hasse, ist seit meinem kleinen Ausraster-Video wohl auch kein Geheimnis mehr. Gestern habe ich sie (mal wieder) verloren und im Gegensatz zu meiner leeren Einkaufstasche war ich randvoll. Bis zum Hals stauten sich die Gefühle. Die Erinnerungen an all’ die Beschimpfungen, die abwertenden Blicke, die endlosen Fressflashs und die Selbstzweifel zwischen Hungern, Fressen und Kotzen holten mich gnadenlos ein.

„Noch nicht, warte, bis wir allein sind“

Am liebsten hätte ich hemmungslos losgeheult und es kostete mich alle Mühe, die Tränen nicht leise kullern zu lassen. So schluckte ich den Schmerz einfach hinunter, schließlich musste ich ja noch irgendwie nach Hause kommen. Dieser Moment, wenn das Herz zum Kopf flüstert, ob wir nicht bitte für einen Moment aufhören können, stark zu sein, und der Kopf nur leise antwortet „Noch nicht, warte, bis wir allein sind“.

Er konnte nichts dafür.

Nach mir stieg ein Junge in den ansonsten fast leeren Bus. Während ich dem Fahrer meine Zielhaltestelle mitteilte, hörte ich ein leises „Ich habe ein Ticket“ direkt hinter mir. Es stimmt. Stehe ich im Gang, kommt niemand an mir vorbei, nichtmal ein schlanker Junge. Ich fühlte mich binnen Sekunden in meine schwerste Zeit zurück versetzt. In die Zeit, in der ich eigentlich immer irgendwem irgendwie im Weg stand.

Ich dachte, es ginge ihm nicht schnell genug,  und mit all dem angestauten Frust der erfolglosen, letzten Stunden drehte ich mich zu dem Jungen um. Der angestaute Druck musste raus und ich explodierte binnen Sekunden. Voller Hass schrie ich ihn regelrecht an, dass er sich doch wohl die eine Minute gedulden könne, bis ich mein Ticket gekauft habe.

Ich blickte in weit aufgerissene Augen und der Glanz wich einer traurigen Leere, ganz so, als wäre etwas in ihm gestorben. Er schlich – vollkommen eingeschüchtert – durch die andere Tür hinter seinem Kumpel her in die letzte Reihe und setzte sich. Den völlig irritierten Blick des Fahrers quittierte ich mit einem harrschen „Was?!“, bevor ich wenige Sekunden später am liebsten im Boden versunken wär.

Ich schäme mich.

„Der Junge hat ein Ticket auf das er am Wochenende eine zweite Person kostenlos mitnehmen kann. Er wollte sie gerade einladen, mit auf seinem Ticket zu fahren, um die 2,70 € zu sparen“ waren die Worte, die mir den Boden unter den Füßen wegzogen. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so sehr geschämt habe.

Lieber Junge,
bitte melde Dich bei mir. Du wolltest nur nett zu mir sein und ich habe Deine Höflichkeit mit Füßen getreten. Es tut mir unendlich leid und ich möchte mich von ganzem Herzen bei Dir entschuldigen. Meinen Hass, den ich auf meinen Körper, auf meine Vergangenheit, auf mich habe, hast Du abbekommen. Ich war in dem Moment völlig überfordert und habe mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass jemand lieb zu mir ist.
Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn Du Dich ändern würdest. Wenn Du aus Angst vor so einer Reaktion wie meiner nie wieder Fremden Deine Hilfe anbietest, wäre das unglaublich traurig. Die Welt braucht Menschen wie Dich, die Fremden wie Freunden begegnen. Liebe Grüße, Jana

Ihr Lieben, unter diesem Beitrag seht ihr neben dem kleinen Herzchen die Icons für Facebook, Twitter, Google+ und Pinterest. Wenn ihr irgendwo einen Account habt, bitte ich Euch, zu klicken und zu teilen. Oder kopiert den Link im Browser und schickt ihn weiter. Ich bereue es so sehr, dass ich nicht den Mut hatte, mich direkt zu entschuldigen. Das muss ich unbedingt nachholen.

Der Junge (ca. 15 Jahre) hatte wohl kein Schülerticket, also war er vermutlich bei seinem Kumpel zu Besuch. Demnach kann er überall in Deutschland wohnen. Er hat dunkle Haare, hatte dunkle Klamotten an und ist um kurz vor 18 Uhr in Hagen-Westerbauer in den Bus 555 (VRR Gebiet, Bereich VER) gestiegen. Schaffen wir es gemeinsam, diesen Jungen zu finden?

Ich danke Euch,
Eure Jana

Autor

3 Kommentare

  1. Liebe Jana,
    das wäre doch gelacht wenn wir den jungen Mann bei uns in Hagen nicht finden würden.
    Wenn du das nächste mal bei deiner Mama bist und eine Shopping Begleitung brauchst stelle ich mich gerne zu Verfügung.

    Liebe Grüße
    Angela

  2. Hey Jana,

    Ich finde es schön, dass du diese Geschichte erzählst. ich kann es total verstehen, wie du dich fühlst. Vor kurzem habe ich eine ähnliche Situation erlebt, denn ich habe falsche Vorurteile gefällt. ich bin einkaufen gegangen und sah eine, auf mich genervt wirkende, Frau mit ihrer Tochter und dachte mir: Oh die sehen irgendwie nicht gerade sozial aus. Dann bin ich mit einem Teil in der Hand zu Kasse und die beiden waren mit einem vollen Einkaufswagen vor mir. Da ärgerte ich mich, dass das jetzt bestimmt lange dauern würde und schaute in dem Moment sicherlich selbst total genervt.. Die Mutter räumte eilig die Sachen aufs Band und dann drehte sich das Mädchen, das ich so auf 8 Jahre schätze, um und fragte leise seine Mutter: Mama darf die Frau vor? Die Mutter schaute zu mir, winkte mir zu und sagte zu ihrer Tochter: Hast du toll aufgepasst mein Schatz.
    Ich schämte mich und war gleichzeitig dankbar dafür, dass sie mir gezeigt haben, dass man andere Menschen nicht verurteilen sollte und, dass das einzig nicht soziale meine unschönen Gedanken waren. Ich denke jetzt noch gerne daran zurück, weil ich es als Geschenk sehe. Wenn ich nicht so schüchtern wäre, hätte ich den beiden gerne noch ein paar Worte mehr als Danke gesagt.
    Ich drück dir die Daumen, dass der Junge gefunden wird.

    Ich lese deinen Blog seit dem ich letztes Jahr einen Beitrag über dich im Fernsehen gesehen habe und bin so froh, dass ich dich von dir lesen darf, denn du bist für mich einer der beeindruckenden Menschen.

    Alles Liebe!

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