„Sie lachen, weil sie es anders nicht ertragen könnten. Was Du dort beschreibst ist für die meisten unserer Schüler völlig fremd. Mütter von heute lieben nicht mehr bedingungslos“ sind die Worte einer Lehrerin, die mir besonders heute am Muttertag wieder und wieder durch den Kopf hallen. 

„Regelmäßig kam meine Mutter ins Zimmer, um nach mir zu schauen. Sie wollte echt nur nett sein, und trotzdem fauchte ich sie an, als ob wir den bösesten Streit hätten. Schon während ich sie aus dem Zimmer schmiss, wusste ich, dass ich mich absolut unfair verhielt, aber sie war das einzige Ventil zum Dampf ablassen.
Meine Mutter liebte mich bedingungslos. Ihrer Liebe konnte ich mir immer sicher sein. Vermutlich war genau das der Grund, dass ich so gemein mit ihr umging. Ich musste keine Angst haben, sie zu verlieren.“ – aus „Das Mädchen aus der 1. Reihe“

Bei dieser Szene unserer Konzert-Lesung wurde es immer wieder ungewohnt unruhig unter den Schülern. Ich war total verunsichert und dachte, dass es bei dem Lachen und Tuscheln um mich und mein grausames Verhalten gehen würde.

Aber die anschließenden Gespräche verrieten mir, dass die wenigsten Schüler dieses Gefühl einer bedingungslosen Liebe kennen. Immer wieder blickten wir in völlig ungläubige Gesichter, wenn wir erzählten, dass wir es total genießen, mit Band und Crew bei Batos Mama in Paderborn oder meiner Mama in Wetter zu übernachten.

Ein liebevoll gedeckter Frühstückstisch mit frischen Brötchen von Hermisch, dazu der schon am Abend vorbereitete Kaffee, dass man nur noch auf’s Knöpfchen drücken muss. Frisch gemachte Betten, wenn wir vom Auftritt Heim kommen oder das bereits fürs abendliche Grillen kaltgestellte Bier. – Dass unsere Mamas mit uns am Tisch sitzen und neugierig fragen, wie denn unser Tag war, ist für uns selbstverständlich.

„Echt? Meine Mutter wäre genervt, wenn Freunde bei mir übernachten“ und „Meine interessiert nie, wie mein Tag war. Die ist froh, wenn sie ihre Ruhe hat und Serien gucken kann“ oder „Würde ich so mit meiner umgehen, würde die mich aus dem Haus jagen“, schenkten uns die Schüler in den anschließenden Gesprächen tiefe Einblicke in ihr Leben.

Kostet das Leben mehr Kraft als früher?

Lieben die Mütter von heute anders oder gar weniger? Ist bedingungslose Mutterliebe nicht mehr selbstverständlich? Oder haben die Mütter von heute vielleicht einfach nur weniger Liebe zu geben, weil das Leben so viel Kraft fordert? Woher kommt es, dass sich so viel Kinder von ihren Müttern nicht wirklich geliebt, sondern beinahe eher „geduldet“ fühlen?

Wenn ich ehrlich bin, war ich die letzten Wochen ganz froh, dass meine Mama ihre Liebe auf fünf Köpfe verteilen konnte. Ihre Liebe, das sahnige Eis, den Bienenstich und die frischen Waffeln. – OK, die vier 300 Gramm Tafeln Milka „Schoko & Keks“ habe ich leider doch alleine gegessen.

Mich erschreckt, dass diese bedingungslose Liebe für viele leider völlig fremd zu sein scheint und zeigt mir: Auch wenn es sich vertraut anfühlt, ist es Weißgott nicht selbstverständlich. Und ich wünschte, ich könnte schneller lernen, die Liebe meiner Mutter mit einem guten Bauchgefühl anzunehmen und wertzuschätzen. Ja, bevor es irgendwann zu spät ist.

Liebe Mamas, wir lieben Euch. Und das nicht nur am Muttertag. – Auch wenn ich es noch nicht so gut zeigen kann wie Bato.

Eure Jana

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3 Kommentare

  1. Sehr interessantes Posting! Ich hätte zwei Buchtipps dazu: Colin Bear hinterfragte vor kurzem in „Die Liebe ist kein Gefühl ..“ ob sich die Liebe nicht in Handlungen niederschlagen muss … und natürlich ist „Das Drama des begabten Kindes“ von Alice Miller DER Klassiker um zu reflektieren, was in der Kindheit wirklich passiert ist …

    Keep blogging! Olivia

  2. Hallo Jana
    Ich weis, dass es die bedingungslose Mutterliebe gibt. Sie hat auch jede Mutter in sich, nur bei einigen überdecken Alltagsprobleme diese.
    Die alleinerziehende Mutter die nicht weiß wie sie die letzte Woche im Monat über die runden kommen soll und das obwohl sie arbeitet. Die Mutter die, egal wie viele Bewerbungen sie schreibt, immer nur Absagen bekommt. Oder die Mutter die gehört hat, dass in ihrer Firma Personal entlasse werden soll und nun Angst hat davon betroffen zu sein. Es sind dann Existenzängste die dazu führen, dass sie ihren Kindern nicht die Liebe zeigen können die sie in sich tragen. Das soll keine Entschuldigung sein aber eine Erklärung für deine Beobachtung.
    Ich habe selber 2 Kinder 14 und 11 Jahre klar gehen auch bei mir im Trubel die kleine Momente der Aufmerksamkeit auch mal unter aber es gibt einige Konstanten wie das selbstgemachte Schulbrot statt die 2 Euro für den Bäcker. Das gemeinsame Abendessen wo große und kleine Probleme besprochen werden usw. Ich denke, dass es auch ganz oft einfach nur diese „langweilige“ Routine ist die aber den Kindern Sicherheit gibt fehlt.

  3. Ich glaube, das ist ein ziemlich komplexes Thema. Ich würde es nicht an der Liebe festmachen, sondern eher am Selbstverständnis der Frauen von damals vs. heute. Lieben bis zur Selbstaufgabe war früher eher die Regel und ist heute eher die Ausnahme. Unsere Mütter konnten sich damals gar nicht fragen „Was will ich eigentlich vom Leben?“ – insbesondere dann, wenn sie alleinerziehend waren, oder quasi alleinerziehend, wie deine Mutter, da dein Vater durch seine Sucht ja nur bedingt vergügbar war. Ich denke, dass diese Mütter sich (auch heute noch) so aufopferungsvoll um andere kümmern, kommt einfach aus dieser damaligen Situation heraus.

    Damals wurde auch die „Mutterliebe“ als Heiligtum angesehen, ein Kind gehört zu seiner Mutter, usw.. Heute ist man in der Bindungsforschung auch schon weiter, und weiß, dass ein Kind auch genauso glücklich z.B. mit 2 Vätern aufwachsen kann. Die Mutter heute ist im allgemeinen Kontext nicht mehr so unersetzlich wie damals, Väter übernehmen mehr Erziehungsaufgaben, es gibt einen Rechtsanspruch auf KiTa-Plätze, usw.. Das bedeutet auch eine gewisse Freiheit für die Mütter, man kann die Verantwortung für die Kindererziehung mit anderen teilen, statt sie komplett alleine tragen zu müssen.

    Es ist gut, dass Mütter sich heute (meist) nicht mehr vorwerfen lassen müssen, sie seien egoistisch, weil sie auch gerne einen Beruf und Hobbys haben möchten. Die meisten lieben ihre Kinder deshalb sicher nicht weniger. Es ist einfach nur eine andere Situation als damals. Meine Mutter war früher mein „Mädchen für alles“, sie hat mich nach Strich und Faden verwöhnt. Es war für uns beide schwer, in der Ablösungsphase da wieder raus zu kommen. Von meinen Kindern lasse ich mir halt nicht alles gefallen. Aber ich versuche nach Möglichkeit auch, ihnen die Gründe zu erklären, warum sie z.B. etwas nicht dürfen, frage bei ihnen nach, und lerne dabei viel über meine Kinder und über mich selbst.

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