Während ich mir „Ja, meine Kindheit war die Hölle“ eingestehe, kullern Tränen über meine Wangen. Als ich es meiner Mutter vor’m Schlafengehen am Telefon sage, noch mehr als vergangene Woche auf der Couch bei meinem Psycho-Doc. Am anderen Ende wird es immer stiller und ich spüre, wie sehr sie meine Worte treffen.

Sie war doch dabei

Als meine Mutter jedoch vorsichtig versucht, dagegen zu argumentieren und mir meine neu gewonnene Einsicht, ja, meine Gefühle abspricht, da ich es ja immer „ganz anders“ gesagt habe, mischt sich Wut unter meiner Trauer. 

Wie kann sie sagen, dass wir nicht Abend für Abend durch die Hölle gegangen sind?! Sie war doch dabei. Sie war doch dabei, wenn er völlig besoffen nackt durch unser Wohnzimmer gestolpert ist.  Sie ist doch neben mir hochgeschreckt, wenn er nachts an unserer Schlafzimmertür gerüttelt hat. – Für mich waren es immer nur dunkle Erinnerungen, für meinen Psycho-Doc bin ich traumatisiert. 

Ein fuckin’ Ponyhof

Meine Mama hat Recht. Immer wieder habe ich betont, dass mein Leben ein fuckin’ Ponyhof sei und ich gar nicht verstehen würde, warum ich so viel Traurigkeit in mir trage. Dass es doch eigentlich keinen Grund gäbe, dass ich mich ständig so fühle, als müsste ich vor lauter innerem Druck explodieren.

Wie oft habe ich mich für mein abscheuliches Verhalten gegenüber meiner Mama oder meinem besten Freund geschämt, verurteilt, gehasst? Für all die grundlosen Streitereien, für meinen ständigen Psycho-Fuck, der alle mir nahestehenden mitreißt, wenn es mich wieder überkommt. Die Worte „Frau Crämer, sie sind seit ihrer Jugend schwer traumatisiert“ hallen noch jetzt, eine Woche danach, immer wieder durch meinen Kopf. – Und sie tun mir gut. Eine Lösung sind sie zwar nicht, aber eine Begründung. Immerhin.

Dunkle Augen und Wuschellocken

Seitdem empfinde ich meine Ausraster anders. Betrachte ich mich von außen, empfinde ich für mein Verhalten nun eher Mitleid mit mir – als Hass gegen mich. Dann sehe ich die kleine Jana, mit dunklen Augen und Wuschellocken, die doch eigentlich nur ihren Papa, der sie vor allem beschützt, wiederhaben möchte. Es tut weh, den stärksten Mann der Welt mit aufgedunsenem Kopf und blutunterlaufenden Augen auf allen Vieren lallend durchs Wohnzimmer kriechen zu sehen.

Dann möchte ich mich am liebsten in den Arm nehmen und mir leise ins Ohr flüstern. „Hab’ keine Angst, kleiner Lockenkopf, er wird Euch nichts tun“. (Und, ja, hiermit entschuldige ich mich bei allen, die ich augenrollenderweise mit ihren inneren Kindern auf den Spielplatz geschickt habe.)

Ich habe es mir geglaubt.

Warum ich das Bild meiner Kindheit trotz allem immer wieder in den schillerndsten Farben gemalt habe? Die Antwort ist einfach: Es gab so viele wundervolle Momente, da habe ich die dunklen in den Hintergrund gedrängt oder schlichtweg verdrängt. Und irgendwann habe ich es mir dann selbst geglaubt. Lieber eine Lüge, die ein Lächeln schenkt, als die Wahrheit, die eine Tränen entlockt. So geht der Spruch, oder? Vielleicht mag ich Postkarten deshalb so gern. Weil dort die Dinge stehen, die auszusprechen so wahnsinnig schwer fällt.

Eine Erkenntnis bedeutet noch keine Veränderung.

Und warum fühle ich mich dann jetzt nicht befreit und gelöst?“ frage ich meinen Psycho-Doc. „Weil eine Erkenntnis noch nicht automatisch eine Veränderung mit sich bringt. Veränderung bedeutet Arbeit an und sehr viel Geduld mit sich. Die Erkenntnis ist jedoch der Grundstein – quasi das Fundament – auf dem wir neue, tragende Mauern bauen können. Stein um Stein.“

In mir fühlt es sich grad aber eher so an, als würde da ein mittelschweres Erdbeben wüten und ich verspüre unheimlichen Drang nach einem Fressflash. Alles, was ich doch schon so mühevoll errichtet habe, scheint plötzlich auf Sand gebaut zu sein und fällt in sich zusammen. 

Essdruck als Fortschritt?

Sie lassen gerade zu, dass hier auch schmerzhafte Wahrheiten ans Licht kommen, das verlangt eine große Portion Mut. Es ist verständlich und menschlich,  dass Sie da zeitweise auch mal in alte Muster zurückfallen. Verurteilen Sie sich bitte nicht für Selbstschutz. Wir sehen uns zur nächsten Sitzung.“ beruhigt mich mein Psycho-Doc und lächelt. Und zum ersten Mal fühlt sich mein unbändiger Essdruck nach einem Fortschritt und nicht nach einem Rückfall an. 

Und ganz ehrlich? Der erste, der mir `nen blöden Spruch drückt, weil ich in den letzten Tagen sicherlich so einige Kilos zugenommen habe, wird von mir auf den Spielplatz gejagt. Ob mit innerem Kind oder ohne. 

Eure Jana,
die sich schon jetzt auf die nächste Sitzung freut. Und bis dahin bin ich unendlich dankbar, dass mein bester Freund Batomae nicht von meiner Seite weicht, immer für mich da ist, mir selbst im stressigen Tourtrubel sein offenes Ohr leiht und eine gehörige Portion Farbe in mein Leben bringt.

Fotos oben: privat / Das untere Foto: Jan Köpke

Autor

8 Kommentare

  1. Liebe Jana,
    das was du schreibst, kenne ich nur zu gut! Das war nicht so, das erinnerst falsch, so schlimm war es nicht. Nein es war schlimmer, es war die Hölle, der blanke Wahnsinn. Diese Wahnsinn prägt einen für sein ganzes Leben , der einen als “ Lügner“ dastehen lässt. Es wahr und ist das schlimmste was man sich vorstellen kann. Meine Mutter hat es erlaubt, dass wir als Kinder in die Kneipe gehen mussten um ihn sein Bier zu holen.Und wir waren wirklich noch Kinder nicht mal Teenies. Alleine das Betreten der Kneipe war der Horror. Wir haben schwere psychische Folgen davon getragen über Essstörung und Angstzustände.Meine Schwester musste in eine Psychosomatische Kur und ist bis heute dauerhaft in Behandlung. Wie können Mütter nur so etwas verdrängen.

    Ganz liebe Grüße
    Britta

    • Nein, nein… meine Mum hat mich nicht lügen gestraft… sie hat mich nur an meine eigenen Worte erinnert. Meine Worte, die ich immer laut und lächelnd betont habe. So oft hat sie angeboten, dass wir ausziehen, dass wir gehen… aber ich wollte bleiben und habe gesagt „Geh doch und lass mich allein“… ich habe sie gezwungen zu bleiben. Wir haben schon viel darüber gesprochen und wenn ich jemandem zu danken habe, dann meiner Mum. Dass sie geblieben ist, dass sie mich nicht allein gelassen hat. ❤️

  2. Hallo Jana,
    ich finde mich in deinen Worten so oft wieder.Auch ich hatte eine Kindheit die von Alkohol,Gewalt und von extremer Angst geprägt war.Leider waren es bei mir beide Elternteile und ich war allein auf mich gestellt. Ich habe es geschafft und lebe,aber war es das Wert mit den Folgen/Traumatisierung bis an mein Lebensende aushalten zu müssen?Nein!!!!
    Als ich meine Eltern getrennt von einander darauf ansprach, wie es mir als Kind erging, so wurden meinen Aussagen immer gerade gerückt und es hieß:“du hattest doch alles was du dir gewünscht hast!“
    Was für eine Lüge,so wussten bis zu ihrem Tod nicht wer ich war,da der Alkohol in der Rangliste weit vor mir kam und dann lange nichts. Und all die schlimmen Sachen gab es nicht,oder wurden überhört,oder meine Aussagen wurden unterm Tisch fallen gelassen.
    Also du siehst es ist gut jemanden an seiner Seite zu haben,der nicht von dir abweicht und der für dich da ist.
    Mach so weiter und lass dich nicht aufhalten!!!

  3. Pingback: "Erlaubt ist,was hilft." - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

  4. Stefanie Bendixen Antworten

    Liebe Jana,
    ich bin gerade auf deine Seite gestoßen und wollte dir nur kurz sagen, dass mich deine Art zu schreiben und das unglaubliche Video von Bato und dir, sehr berührt hat. Du bist eine wunderschöne junge Frau, mit unglaublich tollen Haaren (Neid..) und einer Ausstrahlung die einen glauben lässt du leuchtest von Innen.
    Ich wünsche dir das du weiter so stark und mutig deinen Weg gehst.
    Alles Liebe für dich, Steffi

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