Ich finde es wundervoll, wenn sich jemand lieben kann. Also ich meine von oben bis unten. Wenn „Bad Hair day“ ein Fremdwort ist und man sich selbst am liebsten die Füße küssen würde, muss das ein unfassbar tolles Gefühl sein.

Es fing doch so gut an.

Body Positivity heißt eine Bewegung, die irgendwie mal richtig gut gestartet ist. Sich so anzunehmen wie man ist, statt den ständig neuen und immer extremeren Schönheitsidealen hinter zu jagen: Super. Mit sich selbst und seinen Kurven so sehr im Reinen sein, dass man sich nicht länger versteckt, auch wenn man nicht die früher noch für ein Strandfoto geforderten 90-60-90 Maße hat: Ein ganz wunderbarer Gedanke. 

Aus dem Ruder gelaufen.

Öffne ich inzwischen Instagram und google, ähm, suche dort nach dem Hashtag #bodypositivity, werde ich von zwei Millionen Bildern förmlich erschlagen und die Zahl der Beiträge steigt von Sekunde zu Sekunde ins Unermessliche. Wabbelige, unförmige Körper bestens in Szene gesetzt und von der Community gefeiert. 

Das ist krank.

Ich meine mit „wabbelig und unförmig“ nicht, wenn jemand einfach nur mollig ist und einen weichen Körper hat. Im Gegenteil, ich liebe weibliche Rundungen, die Welt ist hart genug, da dürfen wir – für meinen ganz persönlichen Geschmack – ruhig etwas weicher sein. Und genau das ist der Punkt, wenn es ein krankhaftes Übergewicht ist, hört dieses „Das ist Geschmacks-Sache“ für mein Empfinden auf. 

Ich habe ausgerechnet, dass mein BMI bei 1,68m und ca. 85 KG bei 30.1 liegt. Und auch wenn er noch im Bereich des Übergewichts liegt, freu’ ich mich. Und wenn ich bedenke, dass mein BMI bei meinem Startgewicht von 180 Kilo bei 63.8 lag, freu’ ich mich gleich doppelt, denn ich hab’ ihn halbiert.

Purzelbäume würde ich jetzt noch nicht unbedingt schlagen, aber ich bin auf dem Weg und als Motivation schaue ich mir gerne Bilder an. Vorbilder. Ich habe da echt Nachholbedarf, denn was ich meinem Körper so viele Jahre ohne den Anflug eines schlechten Gewissens angetan habe, war alles, aber nicht vorbildlich.

Drei Arten von #bodypositivity

Schaue ich mir die Bilder bei Instagram an, gibt es ganz grob drei Arten von #bodypositivity Posts, die sehr häufig von einem unfassbar langen Text begleitet werden. Und nicht selten werden dort Schwächen, die eigentlich keine sind, in den Mittelpunkt gestellt. Früher hat man, wenn man eigentlich nichts zu sagen hatte, über’s Wetter gesprochen. Heute über Körper. 

1. „Was zum Teufel stimmt nicht mit Dir?“ – Posts

Bei unglaublich vielen der #bodypositivity Bilder kommt mir genau eine Frage in den Sinn: Was zum Teufel stimmt denn nicht mit Dir? Du kannst in jedem Geschäft shoppen gehen, brauchst sicher nur einen Platz im Bus und betonst in der Bildunterschrift, dass Du Deinen Körper trotzdem liebst? Trotz was denn? In mir macht sich das Gefühl wie nach einer Klassenarbeit breit, wenn die, die am lautesten heulen, dann doch wieder `ne 1 haben. Es nervt mich. Und es beleidigt all diejenigen, die ihren Körper wirklich „trotzdem“ annehmen.

2. „Das feiern von Fett“ – Posts

Dann gibt es die Bilder, die mir Angst machen. Gequälte Körper, die perfekt in Szene gesetzt werden. Hier geht es nicht um Aufklärung. Hier geht es um das feiern von Fett. Dehnungsstreifen, die mehr als deutlich zeigen, dass man dem Körper mehr zugemutet hat, als die Haut ertragen konnte, werden im super-zoom präsentiert und von der Community gefeiert. Wo sind die Freunde, die sich sorgen? Freunde, die Hilfe anbieten? Chronische Erkrankungen als Folge von maßlosem Körpergewicht sind alles, aber nicht positiv. 

3. „Annehmen, um loszulassen“ – Posts

Und dann gibt es die, die ich wirklich zutiefst bewundere. Menschen, die es schaffen, sich trotzdem wertzuschätzen und diese wundervolle Energie der neugewonnenen Akzeptanz in Selbstfürsorge umwandeln. Die anfangen, ihrer Seele und ihrem Körper etwas Gutes tun, um beides zu stärken und sich genau so zeigen: Positiv und wunderschön, da sie sich annehmen, um endlich loszulassen. Finde ich so ein Bild, macht es mich glücklich und schenkt mir Hoffnung, dass alles möglich ist.

Hauptsache gesund.

Es muss doch etwas zwischen hasserfülltem #bodyshaming und grenzenloser #bodypositivity geben und es muss doch ein spannenderes Thema als Figuren und Körper geben. Groß, klein, mollig, schlank. Gesund sollten sie sein, der Rest ist doch nun wirklich Geschmacksache. 

#bodypositivity baut Druck auf.

„Schweigen ändert nichts“ und nach einem langen Gespräch mit meinem Besten liege ich nun wirklich entspannt im Bett 🛏 Das Buffet und besonders der Nachtischteller (ihr habt’s in der Instatory gesehen) waren heute wohl etwas zu viel „Ruhe“ in einer sehr aufregenden Zeit… 😇 Als würde sich eine Decke aus Wohlgefühl über die Aufregung und Hektik der Tage legen. ✨ Es war gut und es war lecker, trotzdem hätte ich heute ohne das Gespräch mit @batomae vielleicht nicht die Kurve bekommen. 💫 Aber ich habe mich geöffnet und es tat unglaublich gut 😊Schlaft schön, ihr Lieben 😘 . . #batomae #besterfreund #konzertlesungen #berufkollegs #schule #bkk #bauchgefühl #tour #janacrämer #freundschaft #essstörung #schweigenändertnichts #blogger_de

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Lese ich die Kommentare und Nachrichten der Schülerinnen, yepp, meist sind es Mädchen, die sich dem #bodypositivity Druck aussetzen, die sich nach unseren Konzert-Lesungen an Schulen melden, spüre ich Druck. Immer mehr spukt die Frage in den Köpfen:

Bin ich unnormal? Bin ich komisch, weil ich mich nicht perfekt finde und mich mit meinem Bauch nicht ganz wohl fühle? Die Herzchen, Likes und 23 „Schönste!!!“ – Kommentare bestätigen mir doch, dass alles perfekt ist. Warum fühle ich es nicht?

Verdammt noch mal.

Wie traurig ist es bitte, dass sogar das eigene Bauchgefühl in Frage gestellt wird, wenn die Herzchen, Likes und Kommentare doch was anderes behaupten? Verdammt nochmal, es sind virtuelle Herzchen, ein simples double-tap. Wir dürfen uns unwohl fühlen und wir dürfen Lust auf Veränderung haben.

Klar. Dinge, die ich nicht ändern kann, sollte ich akzeptieren und lieben lernen, aber wenn ich etwas ändern kann, warum nicht machen? Weil’s anstrengend ist und der neue #bodypositivity – Trend mir die Legitimation frei Haus liefert, liegen zu bleiben und meine Zeit in Selfies, statt in Bewegung und gesunde Ernährung zu investieren? Ja, ich bin leider auch kein Fan von Bewegung, aber ich bin auch kein Fan von meinem Körper. Im Moment stehen wir zwei sogar ziemlich auf Kriegsfuss miteinander – Aber wir geben uns nicht auf, sondern gehen es an. 

Wie findet ihr denn diesen #bodypositivity – Trend? Teilt ihr meine Gedanken oder habt ihr da einen anderen Blickwinkel? Ich bin gespannt, welche Gefühle ihr beim Betrachten der Instagram-Welt habt. Ist wirklich alles so positiv?

Eure Jana

P.S.: Ach, und auch wenn es auf dem Bild fast so aussieht als würde ich drüber nachdenken, und ich tatsächlich gelenkig genug wäre, küsse ich mir nicht die Füsse. Das wollte ich nur noch mal kurz klarstellen. 😉

Autor

3 Kommentare

  1. Hallo Jana,

    Danke für diesen Blog! Du hast völlig recht – #bodypositivity ist was ganz anderes als sich Übergewicht schön zu reden.
    Ich bin auch übergewichtig und bin noch am Anfang meiner Abnehmreise. Aber ich habe endlich aufgehört mir selbst etwas vor zu machen. #bodypositivty hat mir dabei durchaus geholfen – ich habe ziehe durchaus Selbstvertrauen daraus, anderen sagen zu können: „Ich weiß, ich bin dick und jetzt komm‘ damit klar“.
    Und genau dieses Selbstvertrauen und diese Selbstliebe brauchte ich um für mich endlich zu beschließen nicht mehr krankhaft übergewichtig sein zu wollen – weil ich es mir selbst wert bin etwas für mich zu tun.

    Aber wie schon gesagt: krankhaftes Übergewicht schön reden hat nichts mit #bodypositivity zu tun. Das ist einfach nur gefährlich.

    Ich habe zum Bespiel auch eine fette Narbe am Knie von einem Bänderriss. Da interessiert es mich null was andere dazu denken. Das ist #bodypositivity!

    LG
    Verena

    • Danke für Deine Gedanken, liebe Verena. Ich wünsche Dir viel Kraft und positive Energie für Deinen Weg. Du bist es Dir wert und das ist wundervoll. Deine Jana

  2. Liebe Jana,

    danke für deinen Blog. Er hilft so vielen Menschen – auch mir.

    Zu deinem letzten Blogbeitrag kann ich dir aber nur bedingt zustimmen. Jeder dieser Menschen, die etwas zum #bodypositvity posten, hat einen (langen) Leidensweg hinter sich bei dem ihm die Gesellschaft/Medien signalisiert haben: „Da stimmt etwas nicht mit deinem Körper. Du bist nicht in Ordnung so wie du bist“. Das mag für Außenstehende manchmal nicht nachvollziehbar sein, aber auch schlanke Menschen (zu denen ich nicht gehöre) dürfen und können sich in ihrem Körper unwohl fühlen. Der #bodypositivity ist ein Versuch, den eigenen Körper so anzunehmen und zu lieben wie er ist.

    Ich denke, du warst selbst schon an dem Punkt an dem du ernsthaft daran gezweifelt hast, dass du jemals schlank sein wirst und eine mehr oder weniger vernünftige Beziehung zu essen haben kannst. An diesem Punkt entscheiden sich manche eben, sich so anzunehmen wie sie sind und den Kampf mit sich selbst zu beenden. Dass Übergewicht schlecht für die Gesundheit ist wissen wir alle. Aber genauso ist auch Alkohol, Rauchen, Drogen etc. schlecht für die Gesundheit. Diese Laster sind akzeptiert, wohingegen man sich nicht feiern darf, wenn man fett ist?

    Wäre es einfach schlank zu sein, wäre sicher kaum noch jemand dick. Ich weiß nicht, ob ich jemals normalgewichtig sein kann. Ich wünsche es mir, aber trotzdem will und muss ich mich im hier und jetzt so lieben wie ich bin. Vielleicht stößt dir dieser # so negativ auf, weil es dir so schwer fällt dich so zu lieben wie du bist.

    Der #bodypositivity bedeutet sich so zu lieben wie man ist und seinen Körper positiv anzunehmen. Sicher, manche Menschen missbrauchen ihn, aber für diejenigen die das nicht tun ist er ein Schritt hin zu mehr Selbstliebe oder auch einfach klar zu kommen mit sich selbst. Was Hilft ist gut.

    Liebe Grüße,
    Katja

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