„Jana, Du bist keine Last. Du bist ein besonderer Mensch. Ein Problem bekommen wir Zwei nur, wenn Du versuchst, normal zu sein“, sind die Worte von meinem besten Freund, die mir am Dienstagmorgen die Tränen in die Augen getrieben haben, als ich vor unserer Konzertlesung draußen auf der imposanten Stein-Treppe gesessen habe.

Alles ging so schnell, dass ich nicht mal mehr genau sagen kann, wie es zu diesem Punkt gekommen ist. Aber genau dieses „schnell“ war wohl mein Problem. 

Ein Bündel von Bedürfnissen

Ich brauche Struktur, ich brauche verbindliche Absprachen und ich brauche Zeit, um mich auf Situationen neu einzustellen. Außerdem brauche ich zwei Wärmflaschen im Bett, eine Gute-Nacht-SMS von meiner Mum und am liebsten Porridge und zwei große Kaffeebecher am Morgen. Sicher sind auch diese drei Punkte zu überdenken, aber darum geht’s ja grad nicht. 

Ein Schlagabtausch voller Vorwürfe

Ich saß also auf dieser Steintreppe und Bato hat drei Anläufe genommen, bis unser Gespräch endlich nicht in einem Schlagabtausch voller Vorwürfe endete. Vorwürfe, die ich ihm an den Kopf geknallt habe, nur um vom eigentlichen Problem abzulenken. Mein Problem, dass ich mich dafür hasse, ein Problem zu sein und ständig eine Sonderbehandlung zu brauchen. 

Es gibt sie noch

Ja, es gibt noch diese Tage, da mag ich mich selbst so wenig, dass ich keine Liebe und keine Extrawurst ertragen kann. Das sind diese Momente, in denen die Freundschaft zu mir ein Drahtseilakt ist. Ich wünsche mir Nähe, kann sie aber nicht ertragen. Ich wünsche mir Aufmerksamkeit, fühle mich aber schlecht, sie auf mich zu ziehen. 

Wem nützt es?

Aber Bato hat absolut Recht: Wem nützt es, wenn ich die plötzlich nach vorne verschobene Frühstückszeit hinnehme, ungeschminkt und gestresst mein Hotelzimmer verlasse und schon beim Betreten des Frühstücksraums drei Mal tief durchatmen muss? Genau. Niemandem. 

Ich könnte auch einfach eine WhatsApp schicken, dass ich es unter diesen neuen Umständen heute nicht zum Frühstück schaffe und Bato bitten, mir etwas Obst und ein unbelegtes Körnerbrötchen mit in den Bandbus zu bringen. So könnte ich auf der Fahrt zur Schullesung erst die Körner abpicken und dann das Brötchen essen, statt zum x-ten Mal meine Manuskriptzettel durchzuzählen und alle wäre glücklich.

Verständnis ist keine Einbahnstraße

Ich möchte in Zukunft versuchen, es so zu sehen, dass ja auch ich es ungemein genieße, den Menschen, die mir lieb sind, eine Extrawurst zu braten. Solange sie Veggie ist. Der springende Punkt wird wohl einfach sein, dass „besonders zu sein“ und „Verständnis zu haben“ am allerliebsten Hand in Hand gehen. Ein schwieriger Gedanke für jemanden, der noch nie Händchen gehalten hat.

99 zu 1 – Eine verdammt gute Quote

Wenn meine Lieben mir zugestehen, hier und da einer besonderen Aufmerksamkeit zu bedürfen, möchte ich für die 99 Mal dankbar sein, in denen es wie selbstverständlich gut läuft. Statt mich auf das eine Mal zu stürzen, wenn es schief gelaufen ist. 

Ja, vielleicht bin ich manchmal ein Problem, aber ich kann auch immer ein Teil der Lösung sein. Und genau das möchte ich mir in Zukunft sagen, wenn ich wieder bockig auf einer Treppe sitze. Ich weiß, dass es passieren wird, aber ich weiß auch, dass es in meiner Hand liegt, ob ich dann die Sonne genieße oder den Schatten suche.  

Eure Jana
die mal wieder erlebt hat, dass schweigen nichts ändert

Batomae – Schweigen ändert nichts

Du hast es so oft gesagt,
auf jede mögliche Art,
doch nur in deinem Kopf.
Und mit jedem neuen Tag,
wünscht du dir,
dass dich doch jemand versteht.

Und jeder deiner Blicke,
sagt mehr als tausend Worte,
bist überall nur nicht hier.
An diesen unbekannten Orten,
fühlst du dich geborgen,
weil du dich so gern verlierst.

Schau‘ mir ins Gesicht,
ich seh‘ dich wie du bist,
die Schatten in deinen Augen,
Schweigen ändert nichts.
Auch durch die dicksten Mauern,
bricht irgendwann das Licht,
ich werde für dich da sein,
wenn du dein Schweigen brichst.

 

Beitragsbild: Ben Wolf

Autor

10 Kommentare

  1. Liebe Jana,
    vielen Dank für deinen Eintrag. Ich habe ihn gerade im Zug gelesen und er hat mir die Tränen in die Augen getrieben, weil ich mich so darin wiedererkenne.
    Wie oft ich Menschen von mir wegschubse wenn ich sie am meisten brauche, aber ich will nicht das jemand sieht dass ich schwach bin. Ich will einfach niemandem zur Last fallen vor allem meinen Liebsten nicht.
    Es tut so gut zu sehen, dass man nicht alleine ist.
    Ich wünsche dir einen schönen Tag.
    Lieben Gruß Julia

    • Liebe Julia, ich danke Dir für Deine Worte. Ja, auch wenn es irgendwie „gemein“ ist, es tut gut, wenn man erfährt, dass es anderen genau so geht. Der Gedanke, mit einem Gefühl allein zu sein, ist das schlimmste. Liebe Grüße, Jana

  2. Danke für deine berührenden Worte.

    Ich werde für dich da sein, wenn du dein Schweigen brichst. Darin würde auch ich mich so gerne fallen lassen. Aber noch gelingt es mir nicht so besonders gut.

    Du bist eine besondere und beeindruckende Frau. Danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst.

    • Danke, Claudia, und das sogar gleich 3 Mal. Sicherlich unbeabsichtigterweise, aber trotzdem musste ich drei Mal lächeln. Danke.

  3. Vielen Dank, dass du deine Geschichte mit uns teilst. Es tut mir sehr gut, nicht alleine mit meinem Gedankenchaos zu sein.

  4. Liebe Jana, danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst. Du bist schon an einen Punkt angelangt, wo ich noch lange nicht bin. Aber ich bin auf dem Weg und aufgeben ist keine Option, auch wenn es sich gerade so anfühlt.
    Wie schön, dass auch ich nicht alleine bin.

  5. Liebe Jana,
    gestern war bei mir wieder einer dieser Tage. Ich saß auf meinem Sofa mit den Gedanken zwischen Anorexie und Bulimie. Mal wieder googelte ich nach Essstörungen (als hätte das bisher jemals geholfen) . Gestern allerdings hat es mir endlich geholfen. Denn ich bin auf deine Seite gestoßen, bzw auf das Lied „Unvergleichlich“. Es läuft seitdem übrigens in Endlosschleife. Du hast es geschafft, das sich meine Hoffnungslosigkeit in Hoffnung verändert hat. Du schaffst es, mit deiner Seite und euren Liedern, meine „Dämonen“ zurück zu treiben wo sie hingehören. Ich wollte dir deshalb ein riesiges Danke da lassen. Du rettest mich gerade.

    Gerne hätte ich dir eine private Nachricht zukommen lassen. Da gibt es soviel was zu sagen wäre, nur habe ich kein Facebook mehr. (Gründe kannst du dir sicher denken)

    Mit großer Bewunderung und dem größten Respekt vor deinem Mut, deiner Ehrlichkeit und vorallem deiner seelischen und körperlichen Leistung die du jeden Tag aufs neue erbringst.

    Lill

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