Um die Pointe gleich mal vorweg zu nehmen: Ja. Ich finde, dass jeder das gute Recht hat, sich aufgrund seines Aussehens richtig mies und elendig zu fühlen.

Nach der Veröffentlichung meiner Aktfotos und meinem Auftritt im Fernsehen, haben mich so unfassbar viele wundervolle Nachrichten erreicht, dass ich mich wohl zu einem der gesegnetsten Menschen der Welt zählen darf. Mit so viel Zuspruch und Eurer bedingungslosen Offenheit hatte ich nicht gerechnet.

„Ich schäme mich, vor Dir zu jammern.“

Womit ich aber auch nicht gerechnet hatte, war der immer wiederkehrende Satz: „Jana, ich weiß, dass ich eigentlich gar kein Problem habe, wenn ich mich mit Dir vergleiche (…), aber ich mag mich auch nicht leiden. Ich schäme mich, vor Dir zu jammern, und Du findest das bestimmt lächerlich, weil ich ja nur…“

Ihr Lieben, Leid zu empfinden, ist doch etwas absolut Individuelles. Der eine empfindet 3 Kilo Über- oder Untergewicht als Katastrophe, beim anderen fängt’s bei nem Vielfachen an. Jeder Mensch hat sein Wohlfühlgewicht und wir alle haben da eine unterschiedliche Toleranz, ab wann uns der Gang zur Waage so richtig den Tag vermasselt.

Yepp, es ist super schade, dass wir uns so sehr über unser Aussehen definieren und, nein, ich fange jetzt keine Hasstiraden auf Modemagazine, Casting-Shows und die Schönheitsindustrie im Allgemeinen an. – Fakt ist, dass wir uns ganz subjektiv scheiße fühlen dürfen und niemand das Recht hat, die Augen zu verdrehen, wenn wir das mal zugeben. Was eh viel zu selten vorkommt. Wir dürfen uns auch dann scheiße fühlen, wenn rein objektiv betrachtet nicht der Hauch eines Grundes zu sehen ist.

Leid beginnt im Kopf, nicht im Körper.

Genau darum geht’s nämlich: Leid beginnt im Kopf, nicht im Körper. Man glaubt alles ist gut, weil die lächelnde Maske einfach perfekt sitzt. Wir alle versuchen, uns ständig so zu präsentieren, wie uns die anderen sehen wollen. Jemanden zu finden, bei dem man diese Maske absetzen kann, bei dem man nur man selbst sein darf, ist ein kostbares Geschenk.

Es geht eben genau nicht darum, sich vorher mit seinem Gegenüber zu vergleichen. Man muss nicht vorher überprüfen, ob man sich in dessen Gegenwart überhaupt scheiße fühlen „darf“, weil er oder sie doch viel „massigere“ Probleme hat. Es geht einzig und allein darum, sich anzulehnen, die Maske abzulegen und zu sagen: „Du, ich fühle mich beschissen, denn ich finde mich unattraktiv und das macht mich traurig.“ Ich habe in meinem besten Freund  Batomae genau so jemanden gefunden und bin unendlich dankbar, dass er an meiner Seite ist, zuhört und mich tröstet. (Bato, fühl‘ Dich ganz fest gedrückt. Ich hab‘ Dich lieb.)

Dieser kleine Moment, wenn man sich traut, auf sein Herz zu hören. Dieser kleine Augenblick, wenn das Herz leise zum Kopf flüstert: „Können wir jetzt bitte aufhören, stark zu sein. – Ich kann echt nicht mehr.“

Dieser Mut, dann loszulassen und den Gedanken auszusprechen ist so zart und zerbrechlich. Probleme sind kein Wettkampf, bei dem jeder noch `ne Schüppe drauflegen muss, um am Ende den letzten Brownie zu bekommen. Gedanken, Ängste und Sorgen können auch nicht wirklich durch Brownies gelöst werden. Nein, auch nicht nicht durch Tripple-Schoko-Brownies. Glaubt’s mir, ich hab’s versucht.

„Ach, hör’ bloß auf! Du hast doch gar keinen Grund!“

Ich persönlich finde es ganz besonders mutig, wenn auch diejenigen, die absolut der „Norm“ oder sogar dem „Ideal“ entsprechen, zugeben, dass sie auch leiden. Genau diese Mutigen müssen sich nämlich nicht nur mit ihrem eigenen, schlechten Gefühl auseinandersetzen, sie müssen zusätzlich noch das genervte Augenrollen, direkt gefolgt von einem verständnislosen „Ach, hör’ bloß auf! Du hast doch gar keinen Grund!“ ertragen.

Mit seinen Sorgen & Ängsten nicht ernstgenommen zu werden, tut viel, viel mehr weh als `ne kneifende Hose.
Eure Jana

Und wenn ihr mir an jana@dmad1r.de schreiben möchtet, bin ich dankbar für Eure Gedanken und verspreche, ganz bestimmt nicht mit den Augen zu rollen.

Ich möchte Euch jetzt zum Schluss noch unbedingt diesen Song von meinem besten Freund Batomae ans Herz legen. Hinter jeder abgelegten Maske versteckt sich ein kleines, ganz persönliches und unendlich kostbares Geheimnis… Wo Worte enden beginnt die Musik…

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5 Kommentare

  1. Dominique Maue Antworten

    Ich tappe leider auch oftmals in die Falle, Probleme von Normalgewichtigen zu belächeln, dabei weiß ich nur zu gut, dass man nichts schlimmes erlebt haben muss, oder nicht starkes Übergewicht braucht, damit man sich in seiner Haut unwohl fühlt.
    Wie du schreibst, ist es der Vergleich zu anderen, der einem selbst vielleicht verbietet zu jammern, immerhin geht es anderen ja viel schlechter.
    Dabei sollte man ganz allein auf sich hören, auf das, was das Ich unter der Maske sagt und wenn dieses Ich weinen und schimpfen will, dann sollte es das auch dürfen. Andere mag das Schicksal objektiv schlimmer getroffen zu haben, aber was man fühlt ist noch einmal eine ganz andere Sache und darauf sollte man hören.

  2. Grit Schneider Antworten

    „Dieser kleine Moment, wenn man sich traut, auf sein Herz zu hören. Dieser kleine Augenblick, wenn das Herz leise zum Kopf flüstert: „Können wir jetzt bitte aufhören, stark zu sein. – Ich kann echt nicht mehr.““ – sehr treffend geschrieben. Aber manchmal reicht ein „ich will nicht mehr“. Auf der anderen Seite hat mir mein bester Freund in den letzten Jahren mit seiner Offenheit geholfen, meinen Blick auf meine Probleme gerade zu rücken. Was er in seinem Leben durchgemacht hat, was er jeden Tag kämpft, wie viel er arbeitet und doch kaum über die Runden kommt – das zeigt mir, welch Luxusprobleme ich eigentlich habe. Weil ich auch sehe, wie unglaublich lieb und positiv er trotz allem ist.
    So genieße ich meine gelegentlichen Zweifel, Ärger und auch schlechte Laune in vollen Zügen – aber ich bin mir dessen ziemlich bewußt und es dauert nicht lange. Inzwischen habe ich auch gelernt zu sagen „hey, ich habe schlechte Laune, das hat nichts mit dir zu tun, lass mich einfach mal“ – sicher nicht cool, aber noch bin ich halt so. Ändere was du ändern kannst, und akzeptiere was du nicht ändern kannst – ist eigentlich ein gutes Lebensmotto finde ich.

  3. Mir hat mal eine ganz tolle Person etwas sehr schlaues gesagt: jeder Mensch hat das Recht, sich schlecht zu fühlen. Unabhängig davon, ob es anderen nun schlechter geht.
    Dazu muss ich sagen, dass es dieser Person wirklich richtig mies geht und sie trotzdem nie aufgibt. Und trotzdem würde sie nie die Gefühle von anderen abwerten. Ich finde das ist eine tolle Eigenschaft.
    Denn jeder hat doch seine eigene Geschichte und niemand hat das Recht, jemandem die schlechten Gefühle abzusprechen.
    Und was das Gewicht angeht. Ich habe laut Waage Normalgewicht. Und trotzdem war ich jahrelang unzufrieden und habe meinen Körper gehasst. Ich werde also niemandem sagen, ob er mit seinem Körper nun zufrieden sein soll oder nicht. Als Grund für Unzufriedenheit reicht doch oft schon der eigene Kopf.

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