„Das Mädchen aus der 1. Reihe – unzensiert“:

»Nicht mal eine Viertelstunde, um uns für den Gig fertig zu machen«, geht es mir durch den Kopf, während ich Jule die Treppen runter nach unten folge. Trotzdem – als Allererstes musste jetzt dieses Hintergrundbild verschwinden, bevor sie es sah und mich zur Rede stellte.

Mit einem »Ich beeil mich!« schließe ich die Tür hinter mir und muss beim Blick aufs Display unweigerlich lächeln. Das sieht echt nach allem, aber nicht nach einem harmlosen Selfie mit meinem Lieblingssänger aus. Jule würde mich umbringen. Drei Klicks, dann ist es verschwunden. Ich drücke die Spülung, ziehe schnell das frische Shirt über, nehme meine Tasche und gehe rüber zum großen Spiegel.

»Gleich ist es kaputt«, sagt Jule in mahnendem Ton, als ich versuche, mein Shirt mit beiden Händen in die Breite zu dehnen. Wie konnte das denn sein? Ich hatte es doch erst vor ein paar Wochen gekauft und da saß es noch mehr als locker. Jetzt zeichnete sich unter dem schwarzen Stoff deutlich mein viel zu dicker Hintern ab. Ein paar Zentimeter sind aber noch drin, bevor die Nähte reißen, das spüre ich. Jule greift nach meinen Händen und zieht sie mit einem scharfen »Lass das jetzt!« unterm Saum hervor. Entnervt gebe ich nach und gucke frustriert mein Spiegelbild an. Die hat gut reden.

Aber Jule darf das. Jule ist, seit wir uns am ersten Schultag in der fünften Klasse nebeneinandergesetzt haben, meine beste Freundin und das genaue Gegenteil von mir. Gott, wie sehr ich sie um ihre perfekte Figur beneide. Um ihre Beine, die bis zum Himmel reichen, ihre superschlanke Taille und den knackigen Hintern, der in der engen, verwaschenen Bluejeans besonders gut zur Geltung kommt.

»Jetzt hör doch endlich mal auf, so auf deinen Hintern zu gucken, man sieht ihn unter dem Shirt doch gar nicht«, versichert mir Jule und strahlt mich mit ihren großen, grünblauen Augen an, bindet ihre sommerblonden, schulterlangen Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz und beginnt sich zu schminken.

Ich ziehe eine Schnute und schaue resigniert in den großen Spiegel über der Waschbeckenzeile. Das kalte Licht lässt mich aschfahl und irgendwie krank aussehen. Warum nehmen die in den Toiletten an Raststätten eigentlich überall so kaltes Licht? Bestimmt wollen die, dass man sich hässlich fühlt und vor lauter Frust oben noch mal schnell bei den Süßigkeiten zugreift. Bei mir geht der Plan auf jeden Fall auf. Das Shirt ist eh zu eng, dann ist es jetzt auch egal, wenn ich noch ’ne Schokolade mitnehme.

Oh Mann, wie oft wir schon an Autobahnraststätten gehalten haben, um uns auf der Damentoilette fürs Konzert zu stylen. Inzwischen ist es uns auch völlig egal, wenn uns andere Frauen abschätzig von oben bis unten mustern und genervt die Augen verdrehen, weil die ganze Schminke ums Waschbecken verteilt liegt.

Ich knete meine braunen Locken kopfüber noch einmal mit etwas Wasser, fixiere alles mit Haarspray und schmeiße den Kopf zurück. Schon besser. Jetzt noch schnell ein bisschen Wimperntusche und meinen Lieblingslippenstift, zartes Rot und ein bisschen Glanz, aber auf keinen Fall zu auffällig – fertig. Auf meinen Hintern gucke ich einfach nicht mehr. Beim Gig stehen wir gleich eh in der 1. Reihe, da herrscht so ein Gedränge, dass niemand drauf achten wird, und nach dem Konzert ziehe ich einfach meine lange Weste drüber.

»Bist du so weit?«, reißt mich Jule aus meinen Gedanken. Mit einem »Yepp, wir können los« räume ich noch schnell meine Sachen zusammen und folge ihr schmunzelnd nach oben. Doch, irgendwie hatten unsere Stopps an den Raststätten schon ein bisschen was von einer Vorher-Nachher-Show. So war es fast jedes Wochenende, seit wir die Jungs kennengelernt haben.

Wir waren bis zu dem Abend nie auf Konzerten, sondern am liebsten zu Hause auf der Couch, haben uns zu zweit einen gemütlichen Netflix-Abend gemacht und ’ne Jumbopizza für vier Personen bestellt. Jule hat für eine Person gegessen und ich für die übrigen drei. Das war, bis wir 18 waren, ein perfekter Abend für uns.

Wir hatten zwar überhaupt keine Lust, haben uns dann aber doch von den Mädels aus der Stufe überreden lassen, mit zu gehen. »Irgendwie werden wir den Abend schon rumkriegen. Zur Not tust du einfach so, als hättest du Migräne, und wir verdrücken uns«, hatte ich zu Jule gesagt, ohne zu ahnen, dass dieser Abend alles verändern würde…

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Autor: Jana Crämer
Verlag: hockebooks
ISBN Printausgabe: 978-3-95751-297-0
ISBN E-Book: 978-3-95751-298-7

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