Als mich meine Mutter gestern Abend am Hagener Hauptbahnhof abgeholt hat, war sie irgendwie anders. Irgendwie zurückhaltender, vorsichtiger. Nicht, dass sie sich nicht gefreut hätte, mich zu sehen, nein, das gar nicht. Sie stand in der Eingangshalle des kalten, tristen Bahnhofs und inmitten der griesgrämig dreinschauenden Menschen habe ich sie sofort entdeckt. Ihr warmes und wie immer herzliches Strahlen übersieht man nicht so leicht. Ok, und ihr groß gestikulierendes Winken auch nicht. So ist sie und so liebe ich sie.

Als wir dann aber gemeinsam zum Auto gegangen sind, war sie mit einem Mal irgendwie komisch. Ich hab von Batos Überraschungsparty, dem Dreckswetter in Berlin, unserer anstehenden Tour und meinen Plänen für die kommenden Tage erzählt und von ihr kam: Nichts.

Eigentlich wollte ich auf direktem Weg ins Bett gehen, weil ich meine Augen kaum noch aufhalten konnte, habe mich dann aber doch noch zu ihr auf die Couch gesetzt. Als ich mich auf meinem Stammplatz in die Kissen gekuschelt habe, war es ein wohlvertrautes Gefühl, dass dort schon meine Wärmflasche auf mich wartete. Anders als es sonst immer bei uns üblich war, lief der Fernseher gestern Abend nicht.

Und so haben wir uns unterhalten. In letzter Zeit bin ich leider nicht mehr ganz so oft dazu gekommen, mich ausführlich bei ihr zu melden. Vielmehr waren es eher kurze Gespräche. OK, ehrlich gesagt war es manchmal auch nur eine WhatsApp, ob alles gut ist. Wenn man bedenkt, dass wir, bis ich vor ein paar Monaten nach Berlin gezogen bin, eine WG waren und jeden Tag den ich nicht auf Tour war, gemeinsam verbracht haben, ist das schon wenig Kontakt.

Für viele ist das sicher ein ganz normaler Abnabelungsprozess, aber wir haben die „Entwöhnungsphase“ einfach ausgelassen. Nein, ich habe sie ausgelassen. „Ganz oder gar nicht“ mag in manchen Dingen gut sein, aber auch hier war es nicht gut und auch nicht fair. Egal, ob ich schon 35 bin.

Meine Mama gestand mir, dass sie schon etwas Angst hatte, mich wieder zu sehen. Sie sagte, dass ich so anders war, als ich das letzte Mal hier bei ihr war. So unangenehm anders. Sie hatte das Gefühl, mir wäre hier alles zu klein und ich hätte ihr vermittelt, dass mir das alles nicht mehr gut genug war.

So war es ehrlich gesagt auch. Als ich das letzte Mal nach Hause gekommen bin, wollte ich unbedingt ausstrahlen, dass ich mich weiterentwickelt habe, dass ich mich verändert habe, dass ich einen Schritt nach vorne gemacht habe. Einen großen Schritt. Und ganz bewusst wollte ich zeigen, dass ich meine Essstörung und meine alten, schlechten Verhaltensmuster hier in Volmarstein gelassen habe und eigentlich auch gar keinen Bock hatte, zurück zu kehren.

Dass ich meine Sucht, meine alten Verhaltensmuster und Denkstrukturen eben nicht hier in Volmarstein zurück gelassen habe, hat mir mein Rückfall neulich gezeigt. Mein Rückfall in Berlin, der neuen, schönen Stadt aus Gold. Meine Sucht ist leider nicht an einen Ort gebunden, sondern an mich. Und sich selbst nimmt man nunmal immer mit, völlig egal, ob man auszieht und nun 500km weiter weg wohnt.

Als ich heute morgen aufgewacht bin, und unsere Wohnung schon nach frischem Kaffee geduftet hat, habe ich mich gut gefühlt. Ich habe mich Zuhause gefühlt. Und gleich werde ich uns Kürbis zum Mittagessen backen. Einfach Kürbis-Spalten in Öl mit meinem Lieblingsgewürz, das ich in Berlin gekauft habe.

Und so sehr dieses kleine, verschlafene Dorf ein bisschen frische Würze aus der Großstadt verträgt, so sehr vertrage ich wohl ein bisschen Einsicht und Zurückhaltung. Je mehr man sich bemüht, etwas auszustrahlen oder vielmehr darzustellen, desto mehr sollte man in sich hineinfühlen, ob es nicht vielleicht doch mehr Schein als Sein ist.

Ja, ich möchte vieles abstreifen und hinter mir lassen, mich verändern und mich sicher auch ein Stückweit neu erfinden – aber ich möchte mich noch erkennen können, wenn ich in die Spiegel schaue. Ok, weiter abnehmen natürlich schon, aber ihr wisst, was ich meine. Es ist nicht alles schlecht gewesen, verdammt viel war sogar verdammt gut und meine Mama ist für mich ganz ohne Zweifel die Allerbeste.

Das ist mir klar geworden und nun nehme ich meine Mama in den Arm und sage ihr, dass es schön ist, wieder mal hier zu sein. Hier bei ihr.

Habt einen schönen Sonntag,
Eure Jana

 

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1 Kommentar

  1. Angela Engelhardt Antworten

    Liebe Jana,
    Genieße die Zeit bei und mir deiner Mama und erhole dich ein bisschen bei ihr.

    liebe Grüße aus Hagen

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