Endlich ich

„Hey, ich bin Jana und ich bin essgestört.“ Eine Tatsache, die ich sonst nicht unbedingt im 1. Satz erwähne. Ebenso wenig, dass ich mal 180kg gewogen habe – bei gerade mal 1,68m. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, dass das die denkbar mieseste Figur war, um ein schickes Outfit für ’ne ECHO-Gala zu finden. Also habe ich mich damals den halben Abend auf’m Klo versteckt – und das als Managerin einer nominierten Band – hier schon weiter drauf einzugehen, ginge aber wohl tatsächlich etwas zu weit.

Verstecken konnte ich mich schon immer gut, manchmal leider noch heute. Weiter gebracht hat’s mich aber nie, weder auf der Aftershow-Party, noch mit meiner Essstörung. In der schlimmsten Zeit, als dann auch die Waage anfing, unter meinem Gewicht zu kapitulieren und ich schlichtweg Angst hatte zu sterben, habe ich mir alles von der Seele geschrieben.

Ich bin aus meinem Schneckenhaus gekrochen und habe meinem besten Freund Batomae mein Tagebuch anvertraut. Ich habe ihm mein komplettes Leben in die Hand gedrückt. Wie ich als Fan vom „Mädchen aus der 1. Reihe“ zur Musikmanagerin wurde, wie dankbar ich bin, dass meine Seele in seiner Bühne endlich wieder tief durchatmen kann, warum die Alkoholsucht meines Vaters, den ich bis zu seinem Tod über alles geliebt habe, so viel in mir zerstört hat und wieso ich zwanghaft versuche, diese schreckliche Leere mit Essen zu füllen.

–> Wenn Du magst, kannst Du hier auch ein bisschen in meinem Tagebuch stöbern. 

Ehrlich gesagt, hatte ich schreckliche Angst, dass Bato überfordert die Segel streicht. In Gedanken habe ich mir stundenlang die schlimmsten Szenarien ausgemalt, dass er sich angewidert abwendet, mich alleine lässt, mich endlich so ekelig findet wie ich mich selbst. Doch es kam ganz anders. Er ist geblieben. Viel mehr noch, er hat mir als Antwort auf meine bedingungslose Ehrlichkeit mit „Unvergleichlich“ einen Titelsong für meine Geschichte geschrieben. Einen Song, der mein komplettes Leben verändert hat. Bato hat mich ermutigt, das Schweigen zu brechen, meine Geschichte als Roman zu veröffentlichen und mit ihm gemeinsam auf Konzert-Lese-Tour zu gehen, denn Schweigen ändert nichts.

Ich hätte niemals gedacht, dass ich mal – aus dem Schatten einer sicheren Backstage – rauf auf die Bühne gehen würde, um von meinen geheimsten Träumen und größten Ängsten zu erzählen. Ehrlich gesagt, frage ich mich noch heute, wenn mir das Herz kurz vor’m Auftritt wieder bis zum Hals schlägt, ob ich noch ganz bei Trost bin, ja, warum ich mir das immer und immer wieder antue.

Aber wenn ich dann da oben sitze und in eure lächelnden Augen schaue, die mir zeigen, dass ihr mich auf eure ganz persönliche Art versteht, fühlt es sich genau richtig an. Es fühlt sich richtig an, endlich auszusprechen, dass Essen eine verdammt schwierige Angelegenheit ist, dass ich mich so oft selbst nicht verstehe und dass mir Gefühle Angst machen. Es löst den einschnürenden Panzer um meine Brust, Dinge beim Namen zu nennen, statt sie wieder so lange in mich reinzufressen, bis ich vor Schmerzen gekrümmt zwischen aufgerissenen Tüten und Kartons heulend im Bett liege. Trotzdem passiert es noch, aber seltener. Viel seltener.

Nächster Live-Termin:
Batomae & Jana Crämer
Erst Konzert-Lesung, dann Batomae & Band
Sa, 15.12.18, 20:00 Uhr
Kühlschiff in der Lindenbrauerei
Rio-Reiser-Weg 1, 59423 UNNA

Tickets: https://bit.ly/2HjIGQ3

Was sich aber plötzlich schrecklich falsch angefühlt hat, war meine Antwort auf die Frage, ob ich denn inzwischen selbst Hilfe in Anspruch nehme. Ich sei so mutig, meinen geschundenen Körper zu zeigen, um auf die Folgen einer Essstörung aufmerksam zu machen und anderen zu helfen, ja, anderen rechtzeitig die Augen zu öffnen, aber gestehe ich mir denn auch selbst endlich professionelle Hilfe zu?

Viel zu lange konnte ich nur sehr verlegen mit dem Kopf schütteln. Das ist jetzt anders. Ich fühle mich bereit, Unterstützung von Fachleuten anzunehmen. Ja, ich habe nun eine Ernährungsberaterin und einen Psychiater und ich wünsche mir, dass ihr mich hier auf meinem Weg begleitet. Dass ihr Euch mit mir freut, wenn etwas hilft, und für mich da seid, wenn es mal nicht so läuft.

Ja, und mir gerne auch mal unbequeme Fragen stellt. Ich habe große Angst vor Rückschlägen und bin schrecklich feige, wenn es darum geht, meiner inneren Leere auf den Grund zu gehen, aber ich möchte es nun mit Ernährungsberatung & Psychotherapie schaffen.

Ich möchte unbedingt gesund werden, auf mein Bauchgefühl hören und auch mal einen Riegel Schokolade essen, ohne schlechtes Gewissen und ohne den Drang nach sehr viel mehr. Ich möchte verstehen, warum die 270g Tafel Milka einen Wiederschluss hat. Meinen Körper liebevoll zu behandeln und irgendwann vielleicht sogar meinen 1. festen Freund zu haben, ja, das ist mein großer Traum.

Ich möchte endlich ich sein…
Eure Jana

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