Als ich vor ein paar Tagen nachts um kurz vor zwei ins Bett gekrabbelt bin, war ich so erschöpft, dass ich schon, noch während ich mich in die Decke gekuschelt habe, eingeschlafen bin. Zumindest für ein paar Sekunden, denn dann stand ich fast senkrecht im Bett.

„Oh, nein … Fuck!!

„Scheiße, Jana, Du hast heute nichts Süßes gegessen!“ schoss es mir mit drei mahnenden Ausrufezeichen durch den Kopf. Oh, nein … Fuck! Ich hatte es mir doch zur Aufgabe gemacht, jeden Tag etwas Süßes zu essen. Na gut, vielmehr wurde es mir von meiner Psychologin zur Aufgabe gemacht und ich habe sie bestens erfüllt. Bis zu dieser Nacht. 

Mein Tag war so schön, dass ich schlichtweg vergessen habe, etwas zu naschen oder überhaupt an Essen zu denken. Ich habe morgens, mittags abends gegessen und gut, keine Snacks, nix Süßes und es hat mir auch nicht gefehlt. Ich hatte an diesem Tag nicht eine Sekunde das Bedürfnis, noch etwas zu essen.

Beide Extreme sind nicht die Lösung bei Binge-Eating

Trotzdem saß ich nun panisch da und überlegte, ob ich nicht irgendwo noch was Süßes im Haus hatte. Schade, denn genau das hatte ich in dieser Nacht nicht, denn jeglichen Süßkram und auch so ziemlich alles andere, was irgendwie essbar war, hatte ich bereits beim letzten Fressflash vergangene Woche – ihr habt’s bei Instagram mitbekommen – vernichtet.

Fressflash trotz Süßkram

Wenn ich es also nüchtern betrachtete, hielt mich weder der komplette Verzicht auf Süßkram von einem Fressflash ab, noch der tägliche Genuss davon. Vielleicht liegt auch hier die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Ganz bestimmt sogar, denn die beiden Extreme waren ja schon mal nicht die Lösung. 

In Zukunft werde ich es also so machen, dass ich von Tag zu Tag schaue, ob ich gerade Lust auf was Süßes habe. Wenn es so ist, dann ist es gut, wenn nicht, aber ebenso. Beides ist vollkommen okay und genau das habe ich durch dieses Experiment „Jeden Tag was Süßes“ gelernt. 

Eine Essstörung hat im Grunde nichts mit Essen zu tun.

Es geht gar nicht ums Essen und das ging es auch nie. 

Jana Crämer

Bestimmte Lebensmittel sind auch nicht der Auslöser für einen Fressanfall, sie sind nicht gut oder böse. Sie sind allenfalls der Trigger, der irgendetwas in mir auslöst, das mich dazu bringt, durchzudrehen. All die Gefühlen, Ängste und Gedanken, die dann hochkriechen, lassen mich so sehr verzweifeln, dass ich das Gefühl habe, keinen anderen Ausweg zu sehen als das maßlose in-mich-Hineinstopfen von Unmengen an Kalorien.

Meine Essstörung ist wie ein Kompass, der mir zeigt, dass etwas in meinem Leben nicht stimmt und mein Leben ändert sich nicht, wenn ich auf Süßigkeiten verzichte oder sie halt jeden Tag esse. Es macht keinen Unterschied – und diese Erkenntnis schenkt mir Erleichterung.

Ich finde es so spannend, mich immer besser kennen zu lernen. Es ist eine aufregende Reise und ich glaube fest daran, dass hinter jeder neuen Wegbiegung, hinter jeder Kurve das Ziel liegen kann. Was genau dieses Ziel ist, weiß ich zwar noch nicht, aber ich glaube, es wird nichts mit Essen zu tun haben. Aber wenn ich dort ankomme, wird in meinem Kopf „Unvergleichlich“ oder „Niemand ist wie du“ von Batomae laufen und ich werde tanzen. So viel steht mal fest.

Alles Liebe,
Eure Jana


Foto: Jan Köpfe

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