99+ kannte ich früher immer nur von der Altersempfehlung auf Gesellschaftsspielen. Inzwischen ist es die rotleuchtende Zahl für ungelesene Nachrichten und Anfragen die standardmäßig  in meinen Postfächern bei Facebook und Instagram angezeigt wird. Nicht nur mich scheint diese schier unglaubliche Zahl zu überfordern, denn außer einer weißen Fläche sehe ich nichts mehr, wenn ich ins Postfach schaue. 

Umso mehr freue ich mich über Eure Kommentare. Nicht nur, weil ich sie lesen kann, sondern weil ich weiß, wie viel Mut es kostet, seine Gedanken öffentlich zu machen. Oft haben Eure Kommentare so etwas Persönliches, so etwas Intimes, dass ich das Gefühl habe, ihr legt mir Euer Leben, Eure ganz eigene Geschichte ganz dicht ans Herz. So wie ich es 2014 mit meinem Tagebuch bei meinem besten Freund gewagt habe.

Damals war es eine Mischung aus Stolz, dass ich es überhaupt aus meinem Kopf in diese Zeilen gebracht habe, und Angst vor meiner eigenen Courage. Man muss manchmal ja schon tapfer sein, sich seine Gedanken selbst einzugestehen, sie dann aber jemand anderem anzuvertrauen ist da nochmal ein ganz anderer Schnack.

Gestern haben mich so viele gedankliche Umarmungen zu meinem 1. Besuch beim Psychologen erreicht, dass ich das Gefühl, was Eurer Mitfühlen und Zuhören in mir ausgelöst hat, gar nicht in Worte fassen kann. Nie hätte ich gedacht, dass diese virtuelle Welt so einen Halt in der wirklichen Welt geben kann.

Als ich dann um 14:45 Uhr bei Insta auf „Live gehen“ gedrückt habe, wusste ich ehrlich gesagt gar nicht, was genau ich Euch mitteilen wollte, denn wirklich zu sagen hatte ich eigentlich nichts. Dann sind plötzlichen Eure Namen und Herzen aufgeploppt. Ihr wart da und es war euch egal, dass mir die Worte gefehlt haben. Wenn sogar Schweigen nicht peinlich ist, dann ist das ein wundervolles Gefühl.

Genau mit diesem Gefühl bin ich dann auch um 15:00 Uhr zu meinem Psychologen rein. Zwar hat er nicht mit Herzchen um sich geschmissen, als ich erstmal eine Weile schweigend vor ihm saß, aber irgendwann ist es dann doch aus mir rausgesprudelt und er konnte gar nicht so schnell mitschreiben, wie ich geplappert habe.

Früher war meine größte Angst, vor Menschen zu sprechen. Aber ich merke mehr und mehr, dass es ein bisschen wie das Stöbern in einer Kommode ist. Wenn man erstmal eine große Schublade zu einem Thema geöffnet hat, finden sich da ganz viele kleinere Kistchen, die tiefer gehen, und schließlich stößt man auf die kleine Schmuckschatulle mit dem tiefsten und vielleicht auch bittersten Geheimnis.

Ich bin jetzt zwar nicht unbedingt `ne niedliche Zierkommode, sondern eher `ne ziemlich wuchtige Schrankwand, aber dafür gibt es in mir auch viel zu entdecken. Und ich danke Euch so sehr, dass ihr durch Eure Kommentare und Fragen die ein oder andere Schublade öffnet, die schon viel zu lange verschlossen war. Und irgendwann finden wir auch das Schmuckkästchen und es gibt keinen Grund, uns beeilen…

Eure Jana

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9 Kommentare

  1. Ich freue mich echt mit dir, dass du mit so einem positiven Eindruck aus dem Gespräch mit dem Psychologen zurück bist. Das ist schon mal eine gute Basis. 🙂 Und das mit der Schrankwand ist ein schönes Bild. Jeder kann die gleiche in seinem Wohnzimmer haben, aber der Inhalt zählt, nicht die glänzende Fassade. Und wie du schon geschrieben hast, vielleicht dauert die Suche bis zum Schmuckkästchen ein bißchen. Aber der Weg ist das Ziel. Du schaffst das!

  2. Tanja Bukowski Antworten

    ich freu mich auch so für dich Jana, das du so einen super Eindruck hast und das es dir soweit gut geht. Das die Nachrichten weg sind, tja, da kann man nicht viel machen. Ich schreibe dir eh einen Brief wenn ich euer Geschenk packe für Wuppertal!
    Das ist alles viel besser! Aber Geschenk gibts nur gegen Autogramme 🙂 ich hoffe wir können nachher noch mit euch diskutieren!
    Und die Therapie wird dir helfen Jana , wenn es auch ab und zu hart werden wird!
    Und das mit das Beispiel mit der Schrankwand find ich einfach nur toll…. auf jeden Fall zählt das Innere mehr als das Äussere! Menschen die das nicht so sehen sind total oberflächlich und es auch nicht wert!

  3. Liebe Jana,

    Die Frage, was ich wäre… könnte ich nicht beantworten. Meine Freunde sagen immer: Du bist Inventar.
    Und ich glaube bei jedem seh ich anders aus. Aber vielleicht wäre ich etwas aus Kristall … die Lotusblume hier vielleicht.
    Ich weiß es nicht. Für mich bist du übrigens keine klobige Schrankwand, sondern eine hübsche Kommode… nur so nebenbei.
    Und womit wir wieder bei liebevoll zu dir selbst wären. Du hast dich inzwischen um die Hälfte halbiert und dennoch…. nutzt du immer noch so gemeine beinahe lieblose Vergleiche für dich selbst. Das macht mich traurig.
    Ich weiß, es ist schwierig an sich und in sich Gutes zu finden, dass muss ich in meiner Therapie auch lernen bzw. deshalb darf ich jetzt in ein wundervolles Ergotherapiezentrum in der Prenzlauer Allee wo gezielt Stärken, Schwächen gefördert werden. Aber auch Selbstbewusstsein aufgebaut.
    Eigentlich baust du das gerade durch die Lesereisen auf, dass positive Feedback. Als Kind stand ich gerne auf der Bühne, heute fang ich am ganzen Körper an zu zittern, krieg keinen Ton mehr raus und habe das Gefühl ich bin eine reine visuelle Zumutung für mein gesamtes Umfeld. Nach dem Tod meiner Mutter konnte ich nicht mehr singen. Ein neuer Gang in ein Tonstudio? Undenkbar. Und dann sitz ich letzte Woche in der Ergotherapie und werde nach nichtmal fünf Minuten in die Theatergruppe gesteckt. Meine Gedanken? Ich will nicht auf die Bühne. Ich bin ganz froh wenn ich hinten strippen ziehen kann, sollen andere das ruhig machen. Das Ende der Kiste? Ich werde es machen müssen, wenn ich den liebevollen Umgang mit mir selbst will, denn den bekomme ich nur durch Feedback. Das Gleiche mit der Zeichenseite. Ich wusste bis vor kurzem nicht, dass ich sowas kann. Ich versuche mich „freizuschwimmen“ wenn man so will. Und am schwierigsten ist es liebevoll zu sich selbst zu sein und nicht so hart. Ich bin schnell dabei, wenn es um negative Worte und Sichten für mich geht und es fällt mir sehr schwer positives zu mir zu finden? Zu anderen geht das sehr gut. Warum ich das alles erzähle? Keine Ahnung vielleicht weil es raus will, vielleicht weil es dir zeigen soll, dass es vielen so geht. Nebenbei bastel ich auch fleissig an Herztribut und an meiner eigenen Geschichte, die eigentlich schon seit Jahren erzählt werden mag. Aber bisher hab ich mich nicht getraut… mal gucken. Aber es geht, immer ein Schritt nach dem Anderen. Du hast schon soviel geschafft und darauf kannst du stolz sein. Und bis zum nächsten Mal lass ich der hübschen Kommode ein paar virtuelle Blümchen da. Alles Liebe.

  4. Liebe Jana,
    Ich habe über FLÜ Dein Buch kennengelernt.
    Warum ich Dir schreibe? Ich erkenne sehr viele Parallelen zwischen uns.
    Das könnte ich vor 25 Jahren gewesen sein.
    Aber ich will Dir nur erzählen, dass ich es geschafft habe Selbsthass und Binge eating zu überwinden und seit einigen Monaten erfolgreich abnehme. Aber es hat insgesamt über 20 Jahre gedauert und es gibt immer noch Tage an denen ich mich klein, nutzlos und scheiße finde. Aber ich weiß warum ich meinen Weg so gehe, wie ich ihn gehe.
    Ich hatte leider nicht Dein Glück, wirklich gute Freunde zu haben, ich bin für mich immer schon ein Einzelkämpfer gewesen, ich hätte Hilfe und Unterstützung wahrscheinlich auch nie zugelassen…
    Ich wünsche Dir alles Gute auf Deinem Weg und freue mich auf weitere Blogeinträge etc von Dir.

    Wenn ich mich selbst beschreiben sollte, wäre ich wohl das verrückte Labyrinth oder die Villa Kunterbunt…

    Viel Erfolg noch auf Eurer Tournee… ich hoffe, Ihr kommt auch einmal in meine Nähe!

    Viele liebe Grüße
    Karin

  5. Liebe Jana…
    Du bist so eine wundervolle Person…. dein lächeln und lachen ist so ansteckend…. jedesmal wenn ich dich sehe fange auch ich an zu lächeln und das versüßt mir immer den Tag.
    Sich mit etwas zu vergleichen ist garnicht so leicht. In meiner jetztigen verfassung sehe ich mich als Trampolin. Jeder hüpft darauf rum egal wie es mir dabei geht. Ich bin im moment in einem tiefen Loch und weis garnicht ob ich nochmals die Kraft habe da raus zu finden. All die Jahre war ich ein steh auf männchen und jetzt…..
    Aber wie sagt man so schön… irgendwann gibt es auch wieder bessere Zeiten und die versuche ich entgegen zu gehen.
    Danke das es Dich / Euch gibt…….
    Liebe Grüße

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