Ich dachte eigentlich, dass ich relativ entspannt war. Also so entspannt, wie man vor seinem ersten Termin beim Psychologen überhaupt sein kann. Als ich dann in der U9 Richtung Rathaus Steglitz meinen Unvergleichlich-Beutel vergessen habe und fast in Tränen ausgebrochen bin, wurde mir mit einem Schlag klar, dass meine Nerven doch angespannter waren, als ich mir eingestehen wollte. 

Im Beutel war nichts, was ich nicht neu kaufen könnte. Studentenfutter, Maiswaffeln, Davert-Chips, die ich heute im DM entdeckt habe und unbedingt probieren wollte. Aber es ging einfach ums Prinzip. Dass ich diesen Beutel beim Aussteigen habe stehen lassen, sieht mir so gar nicht ähnlich.

Fragt Bato, ich bin diejenige, die schon 10 Minuten, bevor wir aussteigen, checkt, ob sie alles hat, ob der Weg zur Tür frei ist und auf welcher Seite der Ausstieg ist. Mein bester Freund nutzt die Zugfahrten immer bis zur allerletzten Minute, um am Rechner zu arbeiten. Er packt erst dann zusammen, wenn wir schon in den Bahnhof einfahren. Und er hat noch nie was liegen lassen.

Yepp, mein 1. Gedanke war auch, dass mir das mit ihm an der Seite wohl nicht passiert wäre, aber ich bin schon ein großes Mädchen und ich wollte meinen 1. Termin beim Psychologen alleine schaffen. Die Telefonate mit meinem besten Freund kurz vorher und direkt danach fallen einfach unter Mutmachen und Mut brauchen auch große Mädchen.

Im wirklich super gemütlich eingerichteten Wartezimmer schlug mir das Herz dann aber doch bis zum Hals. Obwohl ich hier ja auch schonungslos ehrlich schreibe, war ich aufgeregt, es einem Fremden zu erzählen. Einem Psychologen.

Als er mich dann reingebeten hat, habe ich als erstes die Couch gesehen. Ganz klassisch, wie ich es aus Filmen kannte. Etwas enttäuscht war ich da ja schon, als wir doch nur in zwei unfassbar riesigen Sesseln Platz genommen haben. Aber vielleicht gibt’s die Couch ja auch einfach noch nicht beim 1. Mal. Wir haben über meine Kindheit, die Alkoholsucht meines Vaters, mein Buch, diesen Blog und mein Therapie-Ziel gesprochen.

Und wenn ich ehrlich bin, war genau das die schwierigste Frage. Die Frage, was ich mir von der Therapie erhoffe. Da bin ich wirklich ins Stocken gekommen. Was genau will ich eigentlich? Will ich die Ursache für meine Fressflashs herausfinden oder will ich mein Verhalten ändern?

Bis zum kommenden Dienstag 15:00 Uhr werde ich mir mal Gedanken machen, was genau ich eigentlich will. Und warum muss ich mich da überhaupt entscheiden? Geht nicht einfach beides? Fragen über Fragen und keine Nervennahrung weit und breit. Zu blöd, dass ich meinen Beutel verloren habe.

Aber Bato hat ganz recht. Wir hoffen einfach, dass den Beutel jemand gefunden hat, der großen Hunger hatte und dem der Spruch ein Lächeln schenkt. Und während ich mir genau das jetzt vorstelle, muss ich lächeln und mein Verlangen nach Nervennahrung verschwindet. Zumindest wird’s weniger und das ist doch auch schon mal ein Anfang.

Und wir wissen doch: Alles beginnt beim ersten Schritt…
Eure Jana

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8 Kommentare

  1. Tanja Bukowski Antworten

    Hey Jana das mit dem Beutel ist ja echt blöd gelaufen. Aber du hast bestimmt jemanden ein Lächeln ins Gesicht gezaubert!
    Und das der Termin gut war ist doch super. Du schaffst das. Und deine Ziele wirst du finden??
    Der erste Schritt war sehr wichtig

  2. Ich kenne das zu gut ich kontrolliere auch alles doppelt und dreifach, aber so ist das nun mal ? Und ja der Beutel hat bestimmt jemand gefunden und es sind ja Gott sei dank keine Wertsachen drin gewesen.

  3. Liebe Jana. Sei stolz. Du hast schon so viel erreicht. Auch ich bin in diesem Jahr den Schritt gegangen, ohne Therapie hätte ich es nicht geschafft… meine Kindheit war ähnlich wie deine… Suff, schläge, nie Geld für was schönes und purer Hass meiner Mutter… ich habe ihr ja schliesslich das Leben versaut, weil man mit 17 schon schwanger werden musste. All das lässt mich immer wieder grübeln. Der Kopf ist dann voller Gedanken die nicht gehen wollen. Und dann… essen, essen, essen. Ich habe gestern mit deinem Buch angefangen und verfolge jeden Tag deinen Berichten. Ich wäre so gerne am Freitag in Hamburg dabei… aber ich habe keinen Gefunden der mitgeht. Und alleine traue ich mich nicht. Ich denke an dich und drücke dich. Mach weiter so. Du bist sehr stark und ein toller Mensch ???

  4. Pingback: Ich bin eine Schrankwand. - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

  5. Ich ärgere mich auch immer, wenn ich etwas vergesse… und leider passiert mir das öfter mal :/

    Und im Zug bin ich genauso, immer schon vorher alles zusammenpacken, checken, dass nichts liegengeblieben ist… und dann ewig mit dem ganzen Gepäck an der Zugtür stehen. Haha 😛

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