Ihr Lieben,
gerade sitze ich bei meiner Mama Zuhause am Wohnzimmertisch, beobachte aus dem Augenwinkel, wie sie genüsslich ein leckeres Eis mit Sahne und Früchten isst, und spüre nichts als Liebe.

Nach all den Jahren, die ich sie von oben herab behandelt habe, widerlich grausam und gemein zu ihr war, ist meine Mama wohl die Frau, die ich am meisten bewundere.

Sie hat es geschafft, sich von der Vergangenheit zu lösen, und bringt mich genau in diesem Moment mit den Worten „Ich werde heute ein Muttertagsschläfchen machen“ zum Lächeln. Ich gönne ihr dieses Glück der Zufriedenheit so sehr und während sie sich auf auf der Couch in ihre Kuscheldecke einmuckelt, die Augen schließt und nach wenigen Minuten leise schnarcht, kommen mir Szenen von früher in den Sinn…

Eine ständige Zerreißprobe

Sie kam regelmäßig in mein Zimmer, um zu schauen, ob es mir gut ging oder ich vielleicht etwas brauchte. Meine Mama schnitt mir Äpfel so auf, dass sie neben den süßen Trauben auf dem Teller hübsch anzusehen waren, kochte mir meinen Lieblingstee und bemühte sich, auf dem Weg von der Tür bis zu meinem Schreibtisch möglichst kein Geräusch zu machen. Dabei war sie schrecklich übervorsichtig und brachte mich genau mit dieser Rücksichtnahme binnen Sekunden auf die Palme. Dass sie den Teller auf meinen Schreibtisch stellte, den ich mir extra freigeräumt hatte, damit mich auch bloß nichts vom Lernen ablenkte, war der Gipfel des Ganzen. 

Das hier war mein Zimmer, mein Bereich, konnte ich nicht wenigstens hier allein sein? »Du weißt schon, dass Obst Fruchtzucker hat und ich nur noch eiskaltes Wasser trinke? Kannst du mich nicht einfach nur in Frieden lassen? Ich will meine Ruhe!«, schrie ich sie regelrecht an, als ob wir den bösesten Streit hätten. Manchmal schaute ich nicht mal auf, sondern schüttelte einfach nur den Kopf und verdrehte die Augen, als wäre das gerade die dämlichste Aktion, die ich seit Langem erlebt hatte. 

Schon während ich sie aus dem Zimmer schmiss, wusste ich, dass ich mich gerade absolut unfair verhielt, dass sie es nur lieb meinte, aber sie war das einzige Ventil zum Dampfablassen. Meine Mutter liebte mich bedingungslos, und ihrer Liebe konnte ich mir immer sicher sein. Vermutlich war auch das der Grund, dass ich so mit ihr umging. Ich musste keine Angst haben, sie zu verlieren. 

Verloren an die Sucht.

Meinen Vater hatte ich schon vor Jahren verloren. Verloren an die Sucht. Manchmal kamen die Erinnerungen wieder hoch, wie es war, als wir noch zusammenwohnten. Er hat uns nie geschlagen, aber der Streit war jeden Abend vorprogrammiert, und manchmal wünschte ich mir, dass ihm endlich die Hand ausrutschte. Alles war besser als diese angespannte Stimmung, diese Vorwürfe, die ständig im Raum schwebten. Je schlimmer es auf seiner Arbeit wurde und je mehr Leute aus betriebsbedingten Gründen entlassen wurden, desto mehr flüchtete er sich in den Alkohol. 

Ich wollte es meiner Mutter nicht zumuten, mit ihm allein zu sein, und so saßen wir jeden Abend zusammen im Wohnzimmer und sahen fern. Ich saß in dem Sessel, meine Mutter lag – von meinem Vater abgewandt – auf dem einen Sofa, er auf dem anderen. Neben sich auf dem Fliesenboden hatte er seine Weinflasche stehen, vor ihm auf dem Tisch lagen Erdnüsse, die er so knackte, dass sich die Schalen über den ganzen Boden verteilten. Er aß wie ein Schwein. 

Wie sehr ich diese Geräusche hasste! Dieses Glucksen, wenn der Wein viel zu schnell nachgeschenkt wurde, gefolgt von dem dumpfen Klirren, wenn er die Flasche unsanft zurück auf die Fliesen stellte. Ich fand es so lächerlich, dass er zwischendurch immer wieder in die Garage ging. Wir wussten doch eh, dass er dort die harten Sachen versteckt hatte. Wenn er wiederkam, konnte er oft nicht mal mehr zurück zum Sofa gehen, ohne gegen den Türrahmen zu knallen oder sich unbeholfen auf dem Wohnzimmertisch abzustützen. 

Dann fing er regelmäßig mit seiner lallenden Stimme Streit an, dass wir maßlos übertrieben, wenn wir ihm sagten, dass er betrunken sei. Wir hätten doch keine Ahnung. Er hätte doch immer alles für uns getan, und wenn wir mal aufhören würden, so hohe Ansprüche zu stellen, müsste er nicht so leiden. Uns wäre es doch scheißegal, wie es ihm ging. Wir hätten uns doch schon vor Jahren gegen ihn verbündet und würden ihn nur noch als Fußmatte benutzen.

Ich hasste uns so sehr.

War er nüchtern, konnte er sich sehr gewählt ausdrücken, und ich liebte es, ihm zuzuhören. Ja, wenn er diskutierte und sich für andere einsetzte, da bewunderte ich ihn für sein Auftreten und seine unglaubliche Redegewandtheit. Aber wie er Abend für Abend auf der Couch lag, nach Alkohol stank, keinen geraden Satz mehr rausbrachte, seine Mückenstiche an den Armen aufknibbelte und das Blut schmatzend von den Fingern leckte, widerte er mich einfach nur an. Wir waren beide süchtig, und ich hasste uns dafür. 

Ich ging auf jede Provokation ein und forderte ihn heraus. Dabei genoss ich es regelrecht, dass er mir in diesen Situationen verbal völlig unterlegen war, und machte ihn fertig. Ich konnte seinen jämmerlichen Anblick kaum ertragen, wie musste es sich erst für meine Mama anfühlen? Sie hatte ihn doch mal geliebt. Hatte sie sich ihr Leben so gewünscht? Sollte das hier etwa alles sein? Den ganzen Tag ging sie arbeiten, um den Abend irgendwie zu überstehen, bevor der Wecker am nächsten Morgen wieder schellte, dann musste ich sie wenigstens vor diesem Anblick beschützen und ihn vertreiben. 

Ich glaubte manchmal, sie wollte sie sich einfach auflösen, so still und unsichtbar, wie sie dort auf der Couch kauerte. Kein Wort, keine Bewegung. Sie saß einfach nur da und versuchte, nicht aufzufallen. Und trotzdem schaute er immer wieder zu ihr rüber und schüttelte in Zeitlupe den hochroten, aufgequollenen Kopf. Als sei allein sie das Problem und er könnte nicht fassen, dass sie einfach so dasaß. 

In diesen Momenten fühlte ich mich, als würde mir jemand die Seele aus dem Leib reißen und sie mit einem mit Nägeln besetzten Baseballschläger zertrümmern. Immer weiter drauf, immer fester, wieder und wieder. Und ich stand einfach nur daneben, unfähig, mich zu bewegen oder auch nur ein Wort zu sagen.

Ich war nicht schuld.

Heute weiß ich, dass ich nichts hätte ändern können. Ich war noch ein Kind und völlig überfordert mit der Situation. Aber ich hätte mir gewünscht, dass ich nicht so grausam gewesen wäre, all meinen Druck an ihr auszulassen.

Deshalb möchte ich allen Mamas da draußen sagen: Wenn wir so gemein und widerlich zu euch sind, bedeutet das nicht, dass wir euch nicht lieben. Wir haben einfach nur schreckliche Angst und sind überfordert. Schon in dem Moment tut es uns unsagbar leid, aber würden wir dieses Gefühl eurer bedingungslosen Liebe an uns heranlassen, würden wir zusammenbrechen.

Wir stoßen euch weg, dabei ist unsere größte Angst, dass ihr geht.

Jana Crämer

Wenn wir uns euch gegenüber so scheiße verhalten, brauchen wir euch am allermeisten. Würden wir uns trauen und hätten keine Angst vor den Tränen, würden wir Euch diesen Song von Batomae vorspielen, euch fest in den Arm nehmen und leise „Niemand ist wie Du, Mama“ flüstern … Weil wir euch lieben.

Ich wünsche allen Mamas einen wundervollen Muttertag.
Eure Jana

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