(…) Jule und ich legen im selben Moment die Stifte hin, als sich unsere Blicke treffen. Jule sieht so erleichtert aus, wie ich mich fühle. Das war sie, die letzte Abiturprüfung. Wir stapeln annähernd synchron unsere Unterlagen und gehen zeitgleich zum Pult. Herr Schulte, unser alter Lateinlehrer mit der lustigen Einsteinfrisur, der uns schon seit der fünften Klasse nur im Doppelpack kennt und die Prüfung beaufsichtigt hat, strahlt uns an, während er unsere Prüfungsbögen entgegennimmt.

Schon in der Grundschule habe ich mich sehr erfolgreich vor den Theateraufführungen gedrückt. Ich als Prinzessin oder im Feen-Kostüm? Dass ich nicht lache. Nur in einer Rolle habe ich mich leider viel zu lange viel zu wohl gefühlt. Auch wenn mit 170 KG die Hosen nicht mehr gesessen haben, die Opferrolle war mir wie auf den Leib geschneidert.

Ich habe einen Anruf bekommen, der mich ziemlich aus der Bahn geworfen hat. Die Vertreterin einer Schönheitsklinik – wie ich recherchiert habe, sogar einer sehr renommierten Schönheitsklinik – stellte sich kurz vor und erklärte dann, dass ganz allein sie für die Öffentlichkeitsarbeit ihrer Klinik „verantwortlich zeichne“. Ja, das war tatsächlich ihre Wortwahl. Sie würde „meinen beeindruckenden Weg der Transformation“ – ja, auch das ist ein O-Ton – schon eine Weile verfolgen, da sie mit mehreren Patientinnen über mein Buch ins Gespräch gekommen sei.

So, nun ist es so weit, dies wird mein 1. Blogeintrag. Nachdem ich nun die komplette Wohnung geputzt, an so ziemlich jeder Hautunreinheit in meinem Gesicht solange rumgeprockelt habe, dass ich morgen garantiert Entzündungen haben werde, ich all meine Quittungen für die Buchhaltung der letzten Monate sortiert und abgeheftet habe und auch die letzte Pflanze in der hintersten Ecke auf braune Blätter kontrolliert habe, kann ich mich nicht länger drücken.