Die Zeit zwischen den Jahren, wenn es abends ruhiger auf den Straßen wird, alles so voller Liebe, Harmonie und leckeren Gerüchen ist, ist für uns Gestörte die wohl schwierigste des Jahres.

Je mehr mir alle vorleben, wie glücklich, emotional und dankbar sie sind, desto mehr spüre ich, dass ich anders bin. Dass ich das Glück so oft nicht sehe und wenn ich mal danach greife, rinnt es mir durch die Finger. Dass ich versuche, meine Gefühle zu verdrängen, weil sie mir Angst machen und mich überfordern. Und dass ich jeden Grund hätte, dankbar zu sein, und mich schäme, dass ich es so oft nicht bin.

Weihnachten, die Zeit des Müssens. 

Ich musste in die feinen Klamotten passen, da es sich ja schließlich so gehörte, dass man dem Fest festlich begegnete. Ich musste über den Weihnachtsmarkt schlendern und mich den Gerüchen aussetzen, da es ja schließlich so schön gesellig war. Ich musste mich an die schön gedeckte Tafel setzen und meinen Blick über die reichlichen Speisen wandern lassen, um zu loben, wie herrlich doch alles duftete und sicherlich auch schmeckte.

Und ich musste kosten. Von allem. Und es gab nie den Moment, dass Oma mein „Nein, danke“ akzeptiert hätte. Mit den Worten „Ach Kind, heute ist doch Weihnachten“ gab sie mir nach, wieder und wieder. „Damals im Krieg, wir wären so dankbar gewesen…“ waren ihre mahnenden Worte, die jeden weiteren Bissen begleiteten, und mir ein schlechtes Gewissen einredeten. 

Einen Scheiß muss ich. 

Heute, 20 Jahre später, fällt es mir immer noch schwer. Es fällt mir schwer, mich nicht schlecht zu fühlen, wenn die Klamotten schlecht sitzen. Ich habe Herzklopfen, wenn ich über den Weihnachtsmarkt auf dem Alexanderplatz gehe und ich zögere „Nein, Danke“ zu sagen, wenn mir jemand Gebäck oder selbstgebrannte Mandeln anbietet. 

Aber etwas hat sich geändert: Ich verhalte mich so oder eben anders, weil ich es möchte und nicht weil ich es muss. Weihnachten ist die Zeit, in der man ganz besonders acht gibt. Ja, auf die Lieben um sich herum, aber ebenso auf sich selbst. Wenn es mir mit einem „Nein, Danke.“ besser geht, dann wird mich niemand komisch anschauen oder dafür verurteilen. Niemand, dem ich etwas wert bin. 

Schweigen ändert nichts.

Ich muss keine Ausreden erfinden, mich nicht rechtfertigen, keine Einladungen absagen oder Situationen meiden. Wenn ich es schaffe, meine Lieben nicht auszuschließen, sondern ihnen sage, dass es mir zwar schwer fällt, aber ich mich diesen Situationen stelle, weil sie es mir wert sind, mache ich Ihnen das wohl größte Geschenk: Meine Ehrlichkeit. Und wünsche mir nichts weiter als Respekt, denn den habe ich verdient.

Ihr Lieben,
ich wünsche Euch ehrliche und respektvolle Weihnachten,
Eure Jana

Autor

1 Kommentar

  1. Liebe Jana,
    Wenn ich deine Texte lese und auf euren Konzerten bin wird es mir klar :

    Rahmen sind eine super Erfindung. Durch den Rahmen gewint ein Bild an Wert. Das Bild wird eingerahmt und in Szene gesetzt. Erst durch den perfekten Rahmen wird das Bild zum Kunstwerk.
    Rahmen sind eine super Erfindung. Ein Rahmen gibt demjenigen, der sich innerhalb des Rahmens befindet Sicherheit und Ordnung. Es gibt Rahmenbedingungen, die ganz klar festlegen was drinnen ist. Wer sich an die Rahmenbedingungen hält ist Teil des Bildes, Teil des Kunstwerks.
    Rahmen sind eine super Erfindung. Sie schützen was in ihnen ist. Sie halten von dem wertvollen Inneren alles Schädliche fern. Sie sind stark und wehren schädliche Einflüsse ab. Sie verhindern das etwas, das nicht zum Kunstwerk gehört, dieses schädigt und zerstört.
    Ich bin aus dem Rahmen gefallen.
    Ich bin kein Kunstwerk mehr.
    Ich bin alleine. Ich gehöre nicht mehr dazu.
    Ich bin Schutzlos den schädlichen Einflüssen ausgeliefert.
    Ich bin Ich.
    Ich blicke zu den Menschen im Rahmen und meine Gefühle sind ambivalent.
    Ich beneide sie um ihren Schutz und genieße es doch frei von beengend Rahmen zu sein.
    Ich wäre gerne Teil ihrer Gruppe und genieße doch meine Individualität.
    Ich bin traurig darüber meinen Wert verloren zu haben und lache und strahle weil ich unendlich Wertvoll bin.
    Ich blicke umher und sehe dich. Auch du bist aus dem Rahmen gefallen. Nimm meine Hand und tanze mit mir, lache mit mir, sei mit mir verrückt und frei. Wenn das Leben dich angreift und du das Gefühl hast, dass nichts mehr so ist wie früher, lächel und schau was das Leben dir an Veränderungen anbietet.
    Rahmen sind eine super Erfindung, doch ich bin froh aus dem Rahmen gefallen zu sein.

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