Ich habe einen Anruf bekommen, der mich ziemlich aus der Bahn geworfen hat. Die Vertreterin einer Schönheitsklinik – wie ich recherchiert habe, sogar einer sehr renommierten Schönheitsklinik – stellte sich kurz vor und erklärte dann, dass ganz allein sie für die Öffentlichkeitsarbeit ihrer Klinik „verantwortlich zeichne“. Ja, das war tatsächlich ihre Wortwahl. Sie würde „meinen beeindruckenden Weg der Transformation“ – ja, auch das ist ein O-Ton – schon eine Weile verfolgen, da sie mit mehreren Patientinnen über mein Buch ins Gespräch gekommen sei.

Als sie mich dann mit fast gönnerhafter Stimme fragte, ob ich sitzen würde, da sie mich nun zur glücklichsten Frau der Welt machen würde, hatte ich ein komisches Bauchgefühl. Zurecht.

Sie wolle in ihrer Klinik an meinen Beinen, Armen, Po und Bauch ein sogenanntes „Makeover“ durchführen lassen. Für mich völlig kostenlos, solange ich bei Insta & Facebook darüber berichten würde. Die Termine für diese Eingriffe lieferte sie gleich im selben Atemzug mit. Nun musste ich mich tatsächlich erstmal setzen.

Der Weg als Stück vom Ziel.

Dass ich die 2. Pizza gratis bekomme, wenn ich der Pizzeria-Seite ein Like dalasse, kenne ich. Super Marketingstrategie, habe ich oft genug in Anspruch genommen. Viel zu oft, aber das hier war schon ne ganz andere Nummer. Ich konnte überhaupt nicht mehr klar denken und das nicht nur, weil ich plötzlich tierischen Heißhunger auf Pizza hatte. Also tat ich das, was ich in „Hilfe, ich würde grad viel lieber Fressen als eine Entscheidung zu treffen – Situationen“ immer tue: Batomae anrufen. Nach nicht mal einer Stunde war es dann so weit, ich vermieste der selbsternannten Glücksfee so richtig den Tag.

Ist es undankbar, so ein Angebot abzulehnen? Ja, vielleicht. Ist es krank, dass ich erst psychisch gesund sein möchte, bevor ich so risikoreiche Eingriffe durchführen lassen möchte? Nein, wohl eher nicht. Die Glücksfee war plötzlich gar nicht mehr so glücklich. Vielmehr blaffte sie mich nun mit völligem Unverständnis an und von der tiefen Bewunderung für meinen doch eben noch so mutigen Weg war da auch nicht mehr viel zu spüren.

Vielleicht wäre es eine Abkürzung gewesen. Mag sein, aber solange sich meine Gedanken noch um Fressflashs oder Überforderung mit der Gesamtsituation drehen, gehe ich lieber noch ein paar Umwege. Und dabei telefoniere ich mit meinem besten Freund, denn dann ist der Weg schon ein kleines Stückchen vom Ziel.

Alles Liebe,
Eure Jana

(Foto: Ben Wolf)

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6 Kommentare

  1. Nicole Völker Antworten

    Wow, da musste ich mich auch erstmal setzen. Krasses Angebot. Und sehr nachvollziehbar, warum du abgelehnt hast… Der doofen Glücksfee ging es ja auch offensichtlich nicht um dich,… Und dann sowas brauchst du nicht. Du wirst deinen Weg gehen, vielleicht noch ein paar Mal stolpern… Aber da du nicht auf hohen Schuhen unterwegs bist, wirst du dein Gleichgewicht gut wiederfinden und weitergehen. Deinen Weg…. Deinen eigenen… <3

  2. Hey,

    ich bin über die FB-Seite von Batomae auf Dich bzw. Deinen Blog aufmerksam geworden und von Deiner Offenheit und Deinem Mut beeindruckt. Auch bin ich überzeugt, dass Du DEINEN Weg in DEINEM Tempo gehen wirst.

    Ich habe mal ein ähnliches „Angebot“ bekommen – Selbstverletzendes Verhalten war mein Problem. Somit habe ich viele Narben auf meinen Armen. Meine Mutter meinte, dass ich mir die doch weglasern lassen könnte, sie und mein Vater würden das bezahlen, immerhin sieht das ja nicht schön aus. Ich habe auch viele Jahre selbst im Sommer nur langärmelig getragen. Und doch immer das Angebot ausgeschlagen.

    Viele Male über viele Monate oder Jahre hinweg haben wir darüber diskutiert …

    Auch wenn ich mich mit den Narben nicht hübsch finde und mich lange Zeit für diese geschämt habe, so gehören sie zu mir und sind Teil meiner Geschichte. Und diesen Teil kann und möchte ich nicht einfach „weglasern“ lassen.

    Inzwischen bin ich in meiner Psyche etwas gesunder und verletze mich nicht mehr selbst. Meine Narben habe ich immer noch und stehe nach und nach mehr zu diesen. Kann sie akzeptieren.

    Und ich wünsche Dir von Herzen, dass auch Du genesen und Dich mehr und mehr annehmen kannst. Und dann wirst Du für Dich und Deinen Körper ne Entscheidung treffen, mit der DU Dich wohl fühlst. Unabhängig davon, was die anderen wollen oder denken.

    Ich werde Dich sehr gerne hier auf Deinem Blog mal öfter besuchen und bei dem Batomae mal mehr reinhören, kenne bisher nur „Endlich ich“, was super ist.

    Dir und Euch wünsche ich alles Liebe und wer weiß, vielleicht sieht man sich mal auf einem Eurer Lese-Konzerte 😉

    Liebe Grüße,
    Nora Fieling

  3. Absolut richtig Deine Entscheidung!
    Natürlich wäre das für die Klinik ein wahrer Glücksgriff gewesen, denn sie hätten auf Insta und FB eine Menge an Werbung bekommen mit einer sehr guten Reichweite.
    Es abzulehnen, weil Du erst psychisch gesund sein möchtest, bevor Du so einen Eingriff unternehmen möchtest, finde ich sehr selbstreflektiert und gesund!
    Auch dass Du erst Dich mit Batomae kurzschließt, bevor Du einen Entscheidung triffst, finde ich sehr gut. So eine Sache, sollte stets sehr gut überlegt sein und ich denke, Du hast in diesem Fall wirklich alles richtig gemacht!

  4. Wahnsinn was man so für Angebote heute bekommt….deine Entscheidung ist total richtig….hier würde es nicht um dich persönlich gehen sondern nur um Werbung zu machen….ich finde wenn man so eine schwer wiegende Sache machen möchte dann mit einem guten Bauchgefühl und nicht weil man ein kostenloses Angebot bekommt…..so wie du schreibst du musst selbst mal erst mit dir im reinen sein….und das ist gar nicht so einfach….viel glück weiterhin und wir sehen uns bald in Reihe 1…😘😘

  5. Pingback: Duplo-Finger - Jana Crämer – Blog – Endlich Ich

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