„Das Mädchen aus der 1. Reihe – unzensiert“:

Hier eine kleine Leseprobe aus meinem 1. Buch, das bereits 2019 erschienen ist:

»Schicke Kopfbedeckung. Ist das jetzt der neuste Trend?«, begrüßte mich Sophie lachend und deutete auf meinen Handtuchturban.
Sie folgte mir ins Badezimmer und setzte sich auf den Badewannenrand, während ich mich schnell fertig schminkte, damit wir gleich zusammen mit Jule los zum Gig konnten. Da ich mich ein bisschen beobachtet fühlte, versuchte ich Sophies Blickbahn zu analysieren und schaute an mir runter. Scheiße, das Shirt saß viel enger, als ich dachte. Und auch viel enger als noch vor einer Woche. Frustriert verdrehte ich die Augen und strafte den unteren Teil meines Körpers ab diesem Moment mit gnadenloser Nicht-Achtung.

Low Carb, Slow Carb, No Carb – Für’n Arsch!

Im wahrsten Sinne, denn genau der war mehr als deutlich zu sehen. In diesem Moment stellte sich mir nur eine existenzielle Frage: Konnte ein Stoffwechsel vielleicht kaputt gehen? Frei nach dem Motto: Nach 50 Diäten haben Sie Ihr Limit erreicht, das war’s. Dö-de-li-döt – Pech gehabt. Vom Umtausch ausgeschlossen.

Ich konnte mich erst von diesem Gedanken lösen, als ich Sophie plötzlich in den höchsten Tönen von Ben schwärmen hörte: Dass sie seit über drei Jahren nur wegen ihm zu den Konzerten fuhr und wie sehr sie sich wünschte, dass er ihr endlich noch eine Chance geben würde. Was meinte sie denn bitte schön mit »ihr noch eine Chance geben«?

»Lea?«, fragte sie plötzlich. »Du versprichst mir doch aber, dass du weder Ben noch sonst jemandem davon erzählst, oder?«
Ich drehte mich zu ihr um, hob feierlich drei Finger und schwor es, dann widmete ich mich weiter meinem Lidstrich. Als sie darauf wie selbstverständlich antwortete, dass sie meine Schwärmerei für Ben natürlich auch für sich behielte, malte ich mir vor lauter Schreck einen dicken Eyelinerstrich quer übers Auge und stieß dabei mein Schminktäschchen so um, dass nun der komplette Inhalt im Waschbecken lag.

»Wundert’s dich etwa, dass ich das gemerkt habe? Ich find’s ja eher komisch, wenn jemand nicht in ihn verknallt ist. Mit denen kann doch was nicht stimmen.«
Sophie schien in mir ihre neue Verbündete gefunden zu haben und ließ nicht locker, als ob es ein Wettkampf sei, Ben zu erobern. »Aber gelaufen ist noch nichts zwischen euch, oder?«

Bitte, was hatte sie da gerade gefragt? Etwas gelaufen, zwischen Ben und mir? Ich wusste überhaupt nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Das ging sie doch auch gar nichts an. Also, selbst wenn da etwas zwischen Ben und mir wäre, würde ich das doch nicht erzählen. Und jetzt, da ich wusste, wie sie für Ben empfand, erst recht nicht.

Bei der nächsten Gelegenheit legte ich mein Handy unauffällig aufs Display, sodass sie nicht mehr draufschauen konnte. Wenn Sophie das neue Foto von Ben und mir sah, wäre der Abend gelaufen gewesen. »Na, ich finde schon, dass ihr unheimlich vertraut miteinander umgeht. So habe ich ihn noch nie erlebt, und ich kenne ihn ja schon ein paar Jahre. Irgendwas ist doch da zwischen euch, aber nach ’ner Beziehung sieht das nicht aus«, hakte sie weiter nach.

Ich schluckte.
»Na ja, in der Gruppe stand zumindest noch nichts«, zwinkerte sie mir zu, stellte sich neben mich und deutete fragend auf meine Mascara. Ich nickte, und sie begann, sich die Wimpern zu tuschen. »Was für eine Gruppe?«, fragte ich entgeistert nach. »Ich dachte, das Fanforum sei schon ewig geschlossen?«
Der Gedanke, dass es da etwas über meine Band gab, was ich nicht mal kannte, ließ mich neugierig werden. Obwohl, nein, es war keine reine Neugier. Es war eher dieses ungute Gefühl, ausgeschlossen zu sein.

»Du bist also wirklich so unschuldig, wie alle behaupten?«, waren ihre Worte, die mich nicht mal drei Sekunden später innerlich kochen ließen, aber ich bemühte mich, mir nichts anmerken zu lassen. »Schon gut, Lea, ich find dich mega. Wirklich! Ohne Scheiß, ich hab dich doch total lieb, aber wir dachten echt alle, dass diese Unschuldsnummer nur so ’ne Masche von dir sei. Ich konnte das nicht glauben. Um ehrlich zu sein, kann das niemand von uns! Wie alt bist du jetzt?«

Dieser Gedanke, dass es da wieder Menschen gab, die hinter meinem Rücken über mich redeten, sich das Maul darüber zerrissen, dass ich nicht normal war, und mein Verhalten dazu auch noch als Masche bezeichneten, ließ meinen Puls rasen. Ich hatte mich bei den Konzerten in der Fan-Clique so wohl und willkommen gefühlt, aber vermutlich wurde ich mal wieder nur geduldet, weil ich das Anhängsel von meiner besten Freundin Jule war.

Ich war so angespannt, dass ich innerlich zu zittern begann. Es war, als würde in mir eine Welt zusammenbrechen. Genau das war es, warum ich Cliquen so hasste: Sobald man den Raum verließ, wurde gelästert und getratscht, und wenn es nichts zu reden gab, dann wurde eben was erfunden. Wie sehr ich mich nach den Abenden zurücksehnte, in denen es nur Jule und mich gab. Keine Cliquen, keine Männer. Nur uns.

»Lea?«, kam es zögerlich von Sophie: »Entschuldige, ich wollte dich nicht verletzen. Es ist nur so ungewöhnlich …«, sie stockte, »dass jemand in deinem Alter noch nie mit einem Kerl … Du weißt schon.« »Ich hatte sogar noch nie einen Freund, Sophie. Hab noch nie jemanden geküsst oder Händchen gehalten. Bin ich jetzt ein Alien?«, fragte ich sie und war selbst überrascht, wie ruhig und beherrscht ich dabei klang.

»Ein ziemlich hübsch geschminkter Alien mit tollen Locken«, versuchte Sophie, mir zu schmeicheln, und auch wenn es mich ärgerte, gelang es ihr viel zu leicht.
»Im Ernst, Lea«, fuhr sie leise fort und klang plötzlich ganz nachdenklich, »ich bewundere dich, und ich hätte mir auch gewünscht, länger zu warten. So hab ich zwar zehn Punkte im Ranking, aber hatte auch schon zwei Mal Angst, schwanger zu sein.« »Wovon zum Teufel redest du denn da? Ranking? Punkte?«, wollteich es nun genauer wissen, und wir setzten uns auf den Wannenrand. Nachdem ich ihr versprochen hatte, davon weder Ben, noch Jule oder irgendwem sonst was zu sagen, fing Sophie an zu erzählen:

»Weißt du, es gibt da diese geheime Gruppe, in die du nur mit Einladung kommst. Immer dieselben Admins, aber alle paar Wochen ändert sich der Gruppen-Name, damit wir nicht so leicht im Netz zu finden sind. Wirst du nicht wieder neu hinzugefügt, warst du zu langweilig oder bist aufgeflogen.« Sie schüttelte den Kopf, als wäre es ihr zu peinlich, weiter zu erzählen, aber ich drängelte und sie gab nach. »In dieser Gruppe gibt es ein Musiker-Ranking. Super bekannte Acts, aber auch unbekanntere Bands. Für jeden Musiker gibt es eine Punktezahl, die sich immer dann ändert, wenn er wieder geknackt wurde oder in einer neuen Beziehung ist. Mehr oder weniger, je nachdem.«

»Geknackt wurde?«, fragte ich nach.
»Mann, Lea. Wenn ihn wieder jemand rumgekriegt hat. Sex! Je leichter ein Typ zu haben ist, desto weniger Punkte bekommst du, je schwieriger, desto mehr.«
»Das ist bitte nicht dein Ernst«, entfuhr es mir geschockt.
»Aber ohne Beweisfoto oder Screenshot, keine Punkte! Du brauchst ein Bild. Es gibt verschiedene Stufen: Innige Umarmungen oder Nachrichten, die zeigen, dass du kein x-beliebiger Fan für ihn bist, sind ein guter Anfang, und je mehr du mit ihm auf Tuchfühlung gehst, desto mehr Punkte gibt’s. Falls er so dumm oder zugedröhnt ist, dass du ein Sex-Selfie machen kannst, ist das Highscore. Wenn du am nächsten Morgen noch in seinem Bett aufwachst, bekommst du Bonuspunkte.«

Ich konnte nicht fassen, dass ich sie das wirklich fragte, doch es rutschte mir einfach so raus: »Gab es denn schon mal etwas von Ben in dieser Gruppe?«
»Nein, noch nie. An den Typen ist absolut kein Rankommen, und da haben sich schon so einige dran versucht. Das kannst du mir glauben – allen voran: ich.« Sie schlug sich die Hände vors Gesicht.

»Lea, ich habe wirklich alles versucht, um ihn zu verführen. Und als er dann mal bei einer After-Show-Party richtig betrunken war, hat er mich mit vor die Tür auf den leeren Parkplatz genommen. Als wir gerade hinter dem Bandbus waren, dachte ich echt, er wollte es auch …«

Ich war mir gar nicht so sicher, ob ich hören wollte, was jetzt kam, aber Sophie erzählte einfach immer weiter …

An dieser Stelle springen wir mal kurz später in den Abend, denn ich möchte nicht spoilern. 😉

»Wollt ihr was trinken?«, war die Frage, die ich mir selbst zusammensetzte, als wir nach dem Konzert den Backstagebereich betraten, denn so ganz genau konnte ich den Gitarristen nicht mehr verstehen, da er schon wieder mit Jule rumknutschte. An diesen Anblick musste ich mich echt noch gewöhnen.

»Immer dieses ekelhafte Rumgesabbere!«, hörte ich plötzlich Bens Stimme dicht hinter mir. Als mir im selben Moment die Beine wegknickten, krallte ich mich erschrocken an seinen ausgestreckten Armen fest. Dieses Spiel kannte ich noch von früher. Oh Mann, wie oft hatte ich mich extra so hingestellt, dass mir niemand von hinten seine Knie in die Beugen drücken konnte?

Ben schien sich zum Glück keinen Bruch gehoben zu haben und stellte mich wieder sicher auf die Beine, wich aber keinen Zentimeter von mir ab. – Ich lehnte mich zurück und legte den Kopf an seine Brust. »Oh, so mutig heute? Keine Angst, dass uns jemand sieht?«, hörte ich ihn dicht neben meinem Ohr und schüttelte den Kopf.

»Wenn’s für dich okay ist, möchte ich nur einen Moment genau so hier stehen bleiben und nicht nachdenken. Es war ein Scheißtag. – Und ich wünsche mir einfach nur mal für einen Moment Ablenkung.« Ich spürte, dass er mir mit einem leisen »Für mich ist das sehr okay«einen Kuss auf den Scheitel drückte, und konnte durchatmen.
So wie wir da standen, schauten wir beide genau auf Tobi und Jule, die die Welt um sich herum scheinbar völlig ausgeblendet hatten. Gedankenverloren antwortete ich Ben: »Doch, irgendwie schon«, und spürte, wie er scharf die Luft einzog.

Moment?! Was hatte er mich da gerade gefragt? Nun spürte ich seine Hände auf meinen Schultern und wie er langsam anfing, sie zu massieren.
»Alles gut, kein Grund, dich so zu verspannen«, raunte er. Hatte ich ihm gerade wirklich auf die Frage, ob ich auch mal Lust hätte, rumzuknutschen, mit »Irgendwie schon« geantwortet?

»Kannst du mir beschreiben, wie es sich anfühlt?«, bat ich ihn leise. »Du würdest dich jetzt langsam zu mir herumdrehen, dass ich dich ganz nah an mich heranziehen kann. Dann würde ich dir diese Locke aus dem Gesicht streichen, mit einer Hand dein Kinn umfassen, es ganz leicht anheben und dir tief in deine braunen Augen schauen.« Ich schloss die Augen und spürte, dass er mit seinen Fingern an meiner Haarsträhne spielte.

»Du würdest noch meinen Atem spüren, ehe ich behutsam deine Unterlippe küsse … Ich würde mich vortasten – quälend langsam – dass du vor Lust ganz wahnsinnig wirst.«
Heiser flüsterte ich, dass er mich in Verlegenheit brachte, worauf er sich dicht an mein Ohr beugte und gestand, dass ich lieber genau so vor ihm stehen bleiben sollte, wenn wir nicht wollten, dass Jule und Tobi ihn in dieser doch ziemlich unangenehmen Lage erwischten. Erschrocken drehte ich mich zu ihm um. Blieb dabei aber ganz nah vor ihm stehen und schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an: »Oh nein, tut mir leid.«

Er musste lachen. »Du bist wohl die erste Frau, die sich bei ’nem Mann für ’ne Erektion entschuldigt.«
»Und was machen wir nun?«, fragte ich ihn, als wären wir auf einer streng geheimen Mission unterwegs und kurz davor, das finale Rätsel zu lösen. Wieder musste er leise lachen.
»Ganz im Ernst, du weißt aber schon, dass so die schlechtesten Pornos der Welt anfangen?! Wenn du mich gleich noch fragst, warum da hinten Stroh liegt, fahre ich sofort nach Hause, ohne dir von den Wahnsinns-Neuigkeiten zu erzählen.«
»Los, reiß dich jetzt zusammen!«, schaute ich erst ihn an, dann etwas weiter runter. Er umfasste mein Kinn und lenkte meinen Blick wieder nach oben, wo er eine Augenbraue hochzog und schmunzelnd den Kopf schüttelte: »Wie frech du sein kannst, unglaublich.«

Als ich später noch mit Jule und dem halben Fanclub bei Hans im Glück saß, musste ich an Ben denken, wie er sich vorhin mal eben schnell auf Ende zwanzig geschummelt hatte. Hatte er echt ’n Problem mit seinem Alter? Mir kamen seine Worte in den Sinn, dass man von einem Musik-Label nur ’ne Chance bekommt, wenn man noch »jung und fuckable« war. Was sollte das eigentlich heißen, fuckable? Fickbar?! Gab es das Wort überhaupt? Wenn ja, musste Google es wissen.

Unauffällig nahm ich mein Handy aus der Tasche und schaute nach: »fuckable, comparative: more fuckable, superlative: most fuckable. Able to be … or worthy of being fucked. Sexually attractive.«
Stand da wirklich »worthy of being fucked«? Das konnte doch nicht ernst gemeint sein! Aber drei Sekunden später bestätigte mir der Google-Übersetzer: »verdient, gefickt zu werden.«

Ich ließ mein Handy zurück in die Tasche gleiten und saß einfach nur da, während die Worte wieder und wieder durch meine Gedanken hallten und mir von Mal zu Mal die Kehle fester zuschnürten.

Ich dachte an meinen Körper. Und während ich mir das Bild dieser widerlichen Masse mit der wabbeligen Fettschürze, den hängenden, ausgeleierten Brüsten und den unförmigen Elefantenbeinen vor meinem inneren Auge zusammensetzte, beschimpfte ich mich – denn endlich konnte ich meinem tiefsten Gefühl Ausdruck verleihen: »Du hast es nicht verdient, gefickt zu werden. – Du fettes, hässliches Stück Scheiße.«, als plötzlich mein Handy vibrierte und mich Ben mit seinen strahlenden Augen bildschirmfüllend anlächelte. Ich atmete tief durch und nahm den Anruf entgegen…

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Autor: Jana Crämer, Verlag: hockebooks
ISBN Printausgabe: 978-3-95751-297-0
ISBN E-Book: 978-3-95751-298-7

Playlist zum Buch mit u.a. Max Giesinger, Wincent Weiss, Sarah Connor, Silbermond, Milow, Batomae, Mark Forster, Sasha bei Spotify.

https://www.rbb-online.de/zibb/vip/beitraege/janacraemer.html