Schon in der Grundschule habe ich mich sehr erfolgreich vor den Theateraufführungen gedrückt. Ich als Prinzessin oder im Feen-Kostüm? Dass ich nicht lache. Nur in einer Rolle habe ich mich leider viel zu lange viel zu wohl gefühlt. Auch wenn mit 170 KG die Hosen nicht mehr gesessen haben, die Opferrolle war mir wie auf den Leib geschneidert.

Es war so herrlich einfach, die Schuld an meiner Situation abzugeben. An meinen Vater, der bis zu seinem Tod schwerer Alkoholiker war. Er war maßlos beim Trinken, also habe ich diese Maßlosigkeit beim Essen übernommen. Oder an meine Oma, die niemals ein „Nein“ akzeptiert hat, wenn ich mal keinen Nachschlag vom Mittagessen haben wollte. Wenn jemand mit leerem Teller für schönes Wetter gesorgt hat, dann ich.

Gerne die Schuld auch einfach an die von der Modeindustrie diktierten Schönheitsideale weiterreichen oder die Gene. Wenn sonst nichts mehr geht, den Genen die Schuld geben, geht immer. Natürlich sind das alles Faktoren, die mit reinspielen, das will ich gar nicht klein reden. Keine Sucht zeugt von einer rosaroten Vergangenheit oder einem hohen Selbstwertgefühl.

„Jana, Du kannst doch nichts dafür.“

Die Sucht, meine innere Leere mit Essen zu füllen, bis ich mich kaum noch rühren konnte, und mich dann entweder zu übergeben oder meinen Frust ins Kissen zu heulen, war wie ein gelerntes Ritual. Viel mehr noch wie ein geliebtes Ritual, das ich seit meiner frühen Jugend sorgfältig gepflegt habe.

Und während ich die nächste Tüte Chips aufriss, flüsterte sie liebevoll: „Jana, Du kannst doch nichts dafür. Zu essen ist besser als Dir `nen Strick zu nehmen“. Yepp, das mochte stimmen. Ein Strick wäre definitiv die noch beschissenere Alternative gewesen, wenn es denn überhaupt einen gegeben hätte, der bei 170kg gehalten hätte. Ich stell’ mir grad vor, wie der Strick gerissen und ich unsanft auf den Boden geknallt wär. Ganz sicher hätte ich wütend fluchend dem Strick die Schuld gegeben. Oh man, was ein jämmerliches Bild.

Ich bin es einfach so schrecklich leid zu jammern, mich permanent selbst zu bemitleiden und die Verantwortung abzugeben. Es ist doch mein Leben. – Ich lebe jetzt & jeder Tag ist neu.

Mit genau diesem Gedanken wache ich morgens auf. Mit diesem Gedanken und mit einem Lächeln im Gesicht. Ich werde sicher keine schöne Prinzessin und vermutlich auch nie eine zierliche Fee, aber eine Kämpferin. Eine Kämpferin, die jetzt Verantwortung übernimmt und ihre Rolle selber schreibt…

Eure Jana

P.S.: Wenn Du grad ab und zu gedacht hast, dass Dir diese Gedanken & Gefühle leider nur all zu sehr bekannt vorkommen, möchte ich Dir eine Seite empfehlen. Es ist eine Initiative gegen Essstörungen und wir arbeiten schon eine ganze Weile sehr glücklich mit dem Team zusammen. Dort findest Du nicht nur Infos, sondern auch den direkten Kontakt zu echten Profis.

(Bild: Aus dem Musikvideo „Unvergleichlich“ von Batomae)

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