„Unvergleichlich Du! –Wie Du Deine beste Freundin wirst“

Jana Crämer
„Unvergleichlich Du! Wie du deine beste Freundin wirst“
Mit Illustrationen von Josephine Pauluth
Verlag Friedrich Oetinger GmbH Oetinger Taschenbuch
Erscheint: 25.05.2020
ISBN 978-3-8415-0641-2
Thalia: https://bit.ly/2VSifMp
Amazon: https://amzn.to/2wz82Kn

In der Öffentlichkeit aß ich nur Salat ohne Dressing und kaum war ich allein, vernichtete ich bis zu zehntausend Kalorien. Ich lebte ein Doppellleben und hatte schrecklich Angst, irgendwann aufzufliegen.In den Tour-Phasen ging es mir richtig schlecht und mein bester Freund Batomae war das einzige Ventil, um Dampf abzulassen. Und ich verabscheue mich heute so sehr dafür, wie grausam ich zu ihm war.

Was?! Ihr denkt, dass das Wort vielleicht etwas zu hart gewählt ist?
Nein, ich wünschte es wäre so, aber leider trifft es das ziemlich genau.
Völlig ohne Sinn und Verstand habe ich ständig Diskussionen angefangen. Diskussionen, die so absurd waren, dass sie einfach im Streit enden mussten. Ich habe es regelrecht drauf angelegt, dass die Fetzen flogen.

Mein einziges Ziel war, dass Batomae mich so sehr hasste, wie ich mich selbst hasste. Ich wollte, dass er endlich ging und mich endlich allein ließ. Ich redete mir ein, ihn und seine Freundschaft nicht verdient zu haben.
Aber er blieb. Batomae blieb an meiner Seite und hat den Fehler, ja, die Ursache für unsere Streitereien immer wieder bei sich gesucht. Er hat sich und sein Verhalten von Tag zu Tag mehr in Frage gestellt und ihn so verzweifelt zu sehen, konnte ich nicht länger ertragen. Ich war schuld daran, dass er sich so sehr quälte und immer trauriger wurde. Das mitanzusehen, brach mir das Herz.

Während die Band auf Tour unten im Nightliner gefeiert hat, habe ich oben in meiner Koje gelegen, geheult, gefressen und geschrieben. Ich habe mir alles von der Seele geschrieben und als die 320 Seiten fertig waren, habe ich ihm mein Tagebuch mit all meinen Träumen, Ängsten und meinem dunkelsten Geheimnis gegeben.

OK, ganz so romantisch wie es sich grade anhört, war es nicht. Um ehrlich zu sein, habe ich ihm eine Mail mit einem PDF geschickt. Nicht mal 30 Sekunden später habe ich ihm eine zweite Mail direkt hinterher geschickt in der einfach nur stand „Guck’ nicht rein, lösch alles“. Er hat es nicht gelöscht, sondern gelesen. Und heute bin ich unendlich dankbar dafür und ich habe mich sogar getraut, es als Roman „Das Mädchen aus der 1. Reihe“ zu veröffentlichen.

Seitdem wusste Batomae Bescheid. Er wusste nun einfach alles von mir, von meinem Vater, der bis zu seinem Tod schwerer Alkoholiker war, dass ich noch nie körperliche Nähe zu einem Menschen zulassen konnte und dass ich ständig Angst hatte, nicht gut genug zu sein, beruflich zu versagen und ersetzt zu werden. Ich gestand ihm, dass mich mein Leben einfach mal komplett überforderte.

Überforderung hat viele Gesichter. Manchmal kam es mir so vor, als würde sie sich jeden Tag eine neue Maske aus dem Schrank nehmen, um unerkannt zu bleiben. Denn genau das ist die Taktik: Je später ich bemerkte, hinter welcher Maske sich meine Überforderung gerade verbarg, desto länger brauchte ich, um zu merken, dass in meinem Leben etwas nicht stimmte … und je länger ich das nicht checkte, desto später konnte ich etwas dagegen unternehmen.

Genau so, wie wir alle in unterschiedlichen Dingen gut sind, und uns völlig andere Dinge stressen, hat unsere Überforderung andere Masken im Schrank. Meine Überforderung verbarg sich meist hinter Dingen, die mit meinem Körper zu tun hatten: Ich liebte es, lange warm zu duschen, um mir bildlich gesprochen all den Dreck von der Seele zu waschen. Außerdem stand ich viele Male am Tag nur Zentimeter vom Spiegel entfernt, um auch den kleinsten schwarzen Punkt, wo ein Augenbrauenhärchen nachwuchs, zu erspähen und es auszurupfen. In den Hochphasen gab es kaum einen Tag, an dem meine Lider nicht geschwollen waren. Und am liebsten versteckte sich meine Überforderung halt hinter allem, was mit Essen zu tun hatte.

Anders war das bei einer meiner liebsten Freundinnen. Bei ihr versteckte sich die Überforderung hinter den neusten und teuersten Klamotten. Stand nicht irgendwo groß und fett das teure Label, fühlte sie sich wertlos. Bei einer Klassenkameradin versteckte sie sich hinter dem Zwang, sich alle halbe Stunde die Hände zu desinfizieren, um sich rein und sauber zu fühlen. Eine meiner Lehrerinnen konnte nur dann selbstbewusst vor unserer Klasse sprechen, wenn ihre 10 angespitzten Bleistifte exakt parallel auf ihrem Pult lagen.

Ein Mädchen aus dem Chor ritzte sich so tief, bis es blutete und sie endlich Erleichterung verspürte und eine andere musste sich so krass Schminken, bis nichts mehr von ihrer Natürlichkeit zu sehen war. Sie wollte wie eine Puppe aussehen, um sich unangreifbar und unsterblich zu fühlen. Und meine Nachbarin, die etwa in meinem Alter war, brauchte die hundertprozentige Aufmerksamkeit von Jungs, um sich gut zu fühlen. Nicht nur von ihrem Freund, den wechselte sie eh alle paar Wochen, nein, von wirklich jedem Typen, dem sie begegnete. Gelang es ihr mal nicht, jemanden in ihren Bann zu ziehen, fiel sie in ein tiefes Loch. So unterschiedlich wie wir alle sind, sind die Masken unserer Überforderung.

Versteht mich bitte nicht falsch, all diese Versuche, irgendwie klarzukommen, sind besser als ein Strick. Das klingt hart, aber eine Psychologin hat es genau so mal sehr treffend auf den Punkt gebracht. Dieser Maskenball der Überforderung hat nur ein Ziel: Er soll uns möglichst lange davon abhalten, herauszufinden, was uns so dermaßen stresst, in Angst versetzt oder traurig macht.

Allen Grund, wirklich Angst zu haben, hat aber in Wirklichkeit nur die Überforderung, denn wenn wir ihr die Maske runterreißen und sie so enttarnen, können wir das Problem, das sich dahinter versteckt hat, angehen. Ich ging es also an, indem ich mich Batomae anvertraute.
In allen widerlichen Einzelheiten beschrieb ich ihm, wie meine Fressanfälle abliefen, mit welcher Verzweiflung ich versuchte, diese unerträgliche Leere in mir mit Essen zu füllen. Und ich beschrieb die Folgen. Ich beschrieb meinen Körper, ja, jedes noch so kleine Detail, das mich so sehr anwiderte.

Und jedes Mal, wenn wir nach seinem Soundcheck und vor seinen Interviews spazieren gingen, versuchte ich in Batomaes Augen zu lesen, wie weit er bereits mit dem Lesen war. Ich habe die ganze Zeit nur drauf gewartet, dass er sich vor mir ekelt, sich von mir abwendet – aber es passierte einfach nicht. – Er blieb an meiner Seite.

Aber auch umgeben von dem wohl liebsten Menschen der Welt blieb ich tief in mir drin unglücklich und fühlte mich oft schrecklich allein. Irgendwie wurde mir alles zu viel. Da waren plötzlich Gefühle, die ich nicht unter Kontrolle hatte. Da waren riesige Erwartungen, die andere an mich stellten. Dazu kamen noch meine ständigen Vergleiche, in denen ich immer nur den Kürzeren zog. Und als wäre das nicht genug, schien auch die ganze Welt um mich herum im Chaos zu versinken. Das alles hat mir schreckliche Angst gemacht und am liebsten hätte ich mich einfach nur unter meiner Bettdecke versteckt und gewartet, bis es endlich vorbei ist – unter meiner Bettdecke mit ganz vielen Süßigkeiten.

Na ja, oder eben ohne, je nachdem, ob ich grad mal wieder hungerte oder viel zu viel in mich hineinstopfte. Mein Leben hat mich einfach mal komplett überfordert. Ich wollte nichts mehr hören, nichts mehr fühlen und nichts mehr sehen. Okay, ab und zu mal Instagram und die neuen Filter checken war schon drin, aber das reichte dann auch.

(Bei Instagram findest Du mich übrigens als Jana Crämer)

Auch wenn Batomae und andere Freunde mir immer wieder sagten, dass ich doch schlau und hübsch sei und nicht so gemein mit mir selbst umgehen sollte, war das zwar ganz lieb gemeint, nützte mir aber nichts. Die mussten ja nicht mit meinem Körper rumlaufen und ebenso wenig musste die meine Gedanken denken oder meine Gefühle fühlen. Die hatten also gut reden.

Irgendwann war ich es leid, so traurig zu sein, und habe angefangen, die verschiedensten Dinge auszuprobieren, um mich besser zu fühlen. Einige waren totaler Quatsch, andere komplette Selbstverarsche, aber die meisten haben tatsächlich geholfen. Meist sogar genau die Tipps, bei denen ich vorher nur genervt die Augen verdreht hatte.

Heute bin ich froh, dass ich all das ausprobiert habe, denn nur so kann ich euch jetzt mit einem breiten Lächeln davon erzählen. Für euch habe ich in meinem neuen Buch Seite für Seite aufgeschrieben, wie ich mir die Kontrolle über mein Leben zurückgeholt habe, yepp, wie ich meine meine äußere Stärke und innere Hymne gefunden habe.

Ich war einfach nicht dafür gemacht, unglücklich zu sein – und ihr seid das auch nicht! Niemand von Euch! In meinem neuen Buch findet ihr also einige Geschichten aus meinem Leben und über die Freundschaft mit Batomae. Dazu reichlich Tipps und Übungen und ganz viele Seiten, die ihr selbst ausfüllen und nach Euren Wünschen gestalten könnt.
Ein bisschen wie ein Tagebuch, nur besser. Ich wünsche mir, dass mein Buch zu Eurem Begleiter wird, yepp, zu Eurem Seelen-Streichler und geheimen Glücksvorrat.

Ich wünsche mir, dass mein Buch Euch dabei hilft, Freundschaft mit Euch selbst zu schließen und zu erkennen, dass ihr auf ganz wundervolle Art und Weise absolut liebenswert und unvergleichlich seid.

Jana Crämer
„Unvergleichlich Du! Wie du deine beste Freundin wirst“
Mit Illustrationen von Josephine Pauluth
Verlag Friedrich Oetinger GmbH Oetinger Taschenbuch
Erscheint: 25.05.2020
ISBN 978-3-8415-0641-2
Thalia: https://bit.ly/2VSifMp
Amazon: https://amzn.to/2wz82Kn

https://www.rbb-online.de/zibb/vip/beitraege/janacraemer.html